Sie finden den Titel der Kolumne vielversprechend? Neugierig, worum es geht? Bin ich auch. Ich weiß es nämlich noch nicht. Der Titel war eine spontane Eingebung, mich hat diese spannungsvolle Gegenüberstellung gereizt. Zunächst fällt mir ein, diesen oder jenen Politiker aufs Korn zu nehmen, in Kolumnen wird traditionellerweise gerne über Politiker geschimpft. Mehrheitsfähig schimpfen geht aktuell am besten über Donald Trump, 90 Prozent der Deutschen sind antitrump; leider ist das Thema inzwischen überreizt, dazu Martenstein: Es wiederholt sich ständig. Es ist wie diese Wasserfolter, wenn dir dauernd ein Tropfen auf den Kopf fällt, da wirst du wahnsinnig.

Man kann sich zu dem Titel natürlich auch eine lustige Anekdote vorstellen: Über einen tollpatschigen Möchtegern-Terroristen, der zum unfreiwilligen Saboteur in der Armee des Bösen wird. Über einen verbissenen Karrieristen, der sich hoffnungsvoll auf einen Auslandsposten im afrikanischen Nirgendwo versetzen lässt, wo er mit naiver kultureller Inkompetenz den Niedergang der Tochtergesellschaft orchestriert. Über einen jungen Draufgänger im Teenageralter, der mit einem waghalsigen Akt die Prom-Queen erobert und dann nicht weiß, was er mit ihr anfangen soll.

[Eine halbe Flasche Rotwein später] Mir ist klargeworden, dass das Potential des Titels in einem ganz anderen Aspekt liegt: Der kometenhafte Aufstieg der Tugenden Fleiß und Geduld in unserer hochspezialisierten Arbeits- und Wissensgesellschaft – bei gleichzeitigem Bedeutungsverlust der Tugend Tapferkeit. Ein Freund von mir ist gerade in Shanghai, als Expat für eine globale Firma. Für den Erfolg seiner Mission (Standortverlagerung einer Produktionsstätte) braucht er nichts vom Wagemut und von der Abenteuerlust eines Marc’O’Polo, sondern die Disziplin eines Klosterschülers: Er muss ein Minimum an Mandarin lernen, einige kulturelle Ratgeber lesen und sich geduldig in die Details der Produktionsprozesse einarbeiten.

Fleiß hat in unserer heutigen Arbeitsgesellschaft eine so zentrale Bedeutung, wie noch nie zuvor in der Geschichte. Selbst die Vorstellung von genialer Eingebung als Treiber von Fortschritt wurde entmystifiziert, die sogenannte „10.000 Stunden Regel“ macht Erfolg zu einer Funktion von Fleiß und Disziplin. Denn: Wirklich erfolgreiche Menschen haben sich etwa 10.000 Stunden mit ihrer Materie befasst, ehe Sie zu Weltklasse-Experten wurden. Bill Gates hat 10.000 Stunden programmiert, bevor er gegründet hat. Mozart hatte 10.000 Musikerfahrung, bevor er seine ersten erfolgreichen Symphonien geschrieben hat. André Agassi verbrachte rund 10.000 Trainingsstunden auf dem Tennisplatz.

[Tag Zwei, nach einem Bier] Willkommen im postheroischen Zeitalter (Prof. Dr. Herfried Münkler) – Vorbei die Zeiten, in denen kampfeslustige junge Männer ihr Leben für das Vaterland zu opfern bereit sind. Willkommen im Zeitalter der (technischen) Risikominimierung – Vorbei die Zeiten, wo es todesmutige Seefahrer und Statthalter für Kolonialisierung oder Welthandel brauchte. Willkommen im kapitalistischen Zeitalter, wo der Wohlstand einer Nation nicht vom Ausgang einiger mutig gefochtener Schlachten abhängt, sondern von Fleiß und Unternehmertum mehrerer Generationen.

Ja, die heutigen Schlachten werden mit Fleiß und Geduld ausgetragen. Kürzlich habe ich den CTO eines StartUps interviewt, der für das renommierte Google Launchpad Accelerator Programm ausgewählt war. Thema: Die indische IT Szene. Zu Beginn des Interviews erklärte er unsicher, er sei vielleicht gar nicht der richtige für ein Interview. Er hätte nicht mehr viele Berührungspunkt mit der Welt, er müsse seit 5 Jahren ein StartUp managen (sic!). Unternehmertum ist Fleißarbeit, bis hin zum Workoholismus.

[Tag Zwei, kurz vor Mitternacht, das Whiskeyglas geht zur Neige] Was war eigentlich nochmal der Titel? Ach so, ja. Egal, ob Sie Karriere machen wollen oder die Welt verändern (oder beides): Der Held der Moderne braucht Fleiß und Geduld. Sorry, Bruce Willis, Deine Streifen sind Top Entertainment für den Start ins Wochenende. Aber als Vorbild meiner Kinder taugt John McLane halt nicht, der ist einfach zu old school.