Der ÖVP-Kandidat Sebastian Kurz hat die Frauenquote völlig neu interpretiert – mit der Nominierung einer Ex-Miss Austria und Ex-Miss Burgenland. Diese Werbemethode um Aufmerksamkeit ist an sich nicht neu. Sex sells. Bikinifigur auch. Unbescholtene Bürger sind allerdings solche Bilder eher im Zusammenhang mit Werbung für Eiscreme oder Motorenöl gewohnt.

Die beiden Kandidatinnen haben im Übrigen eine bemerkenswerte Vita, hatten studiert, Unternehmen gegründet – dies allerdings schien kaum berichtenswert und wurde zunächst von der Partei offenbar auch nicht für wichtig befunden. Einige Medien bebilderten ihre Berichte mit Bikinifotos der Kandidatin Sabine Lindorfer, besonders bemerkenswert eine Fotomontage, wo sie neben den adrett mit Anzug bekleideten Sebastian Kurz montiert wurde. Die visuelle Botschaft: Mann Kopfkompetenz, Frau Bikinipuppenaufputz. Den Hintergrund dieses Diptychons bildet der Nationalratssaal. Die Kandidatin wird quasi in BH und Slip ins österreichische Parlament montiert.

ÖVP-Kandidatin

Die Bikini-Abbildung provozierte nun den politischen Konkurrenten, den SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler, zu der Frage, was denn genau die politische Eignung dieser beiden Ex-Missen sei. An und für sich eine legitime Frage, die auch den mitbewerbenden Kandidaten hätte gestellt werden müssen, die nicht bis auf die Unterhose ausgezogen wurden. Die Nachfrage wiederum führte allerdings in weiterer Eskalationsspirale dazu, dass die bekannte Sexualtherapeutin Rotraud Perner empört und unter Mediengetöse aus der SPÖ austrat, weil sie deren Sexismus nicht mehr zu ertragen imstande sei.

Gegen den Sexismus der Präsentation der ÖVP-Kandidatin hatte Frau Perner allerdings nichts einzuwenden. Dass ausgerechnet eine Psychoanalytikerin ihn nicht zu bemerken scheint, und dass auch die Kandidatinnen zumindest öffentlich einverstanden sind mit einer Darstellung, die ihre beruflichen und politischen Leistungen ignoriert, öffnet den Abgrund ins Unendliche. Dankbar nahm die ÖVP die Steilvorlage an und forderte eine Entschuldigung.

Obwohl es längst untragbar geworden ist, wird Frauen immer noch und immer wieder vermittelt, dass nicht ihr Gesamtpotenzial, sondern das Potenzial ihres Körpers das wertvollste sei. 2017 kann man einen neuen Twist hinzufügen: Der Körper wird gnadenlos vermarktet, aber wenn sich Kritik der Mitbewerber daran regt, dann kann auch dieser Kritik sofort der Sexismusvorwurf gemacht werden. Das ist elegant. Und effizient. Schon schlagen sich alle mit dem angeblichen Sexismus des Gegners herum und nicht mit dem eigentlichen Sexismus des vermarkteten Körpers – mehr noch, der Vermarkter selbst kann sich nun plötzlich als Opfer gerieren.

Ist das jetzt schon der Untergang des Abendlandes? Wieso lassen sich Parteien im Wahlkampf überhaupt ein auf Werbemethoden, die im Praktikantenzimmer einer zweitklassigen Werbeagentur ausgekocht werden? Vermutlich gibt es eine einfache, allbekannte Erklärung: Die zunehmende inhaltliche Ununterscheidbarkeit der Volksparteien. Oder aber die Bürger sind zu schlecht informiert, vom politischen Diskurs abgehängt, weil die globalisierte Gesellschaft zu komplex geworden ist. Der Wahlkampf verlagert sich folglich auf eine andere Ebene, es geht um bunte Plakate, um griffige Parolen, um Allpräsenz von Kandidaten an Laternenpfählen. Um Bikinifigur.

Da fällt mir ein: Kennen Sie den Pay-TV Nachrichtensender NakedNews, auch bekannt als „Internet-CNN für Nudisten“? Alle Nachrichtensprecher, Interviewer und Moderatoren erscheinen darin nackt oder nur teilweise bekleidet. Schauen Sie sich das mal an. Und machen Sie danach einen Wissenscheck: Worum ging es in den Nachrichten eigentlich?




Dieser Artikel basiert zu einem großen Teil auf dem Beitrag Mann denkt, Frau trägt Bikini der Autorin Julya Rabinowich auf ZEIT ONLINE. Der Beitrag war in Stil und analytischer Brillanz ein solcher Hochgenuss, dass ich ihn auf dieser Plattform weiteren Lesern zugänglich machen wollte.

Bildquelle für das referenzierte Bikini-Bild ist folgender Zeitungsartikel in der Kronenzeitung: Angriff auf Ex-Miss sorgt für neuen Eklat in SPÖ