Kürzlich habe ich einen Blog gelesen, der mich sehr nachdenklich gemacht hat: Die Dänen würden nur 33 Wochenstunden arbeiten, seien in der EU die Nr. 2 bei Arbeitsproduktivität und obendrein das glücklichste Land der Welt. Wieso gibt es solche Nachrichten nicht über Deutschland? Muss ich jetzt auswandern für ein glückliches und produktives Leben, oder hat die Autorin nur schlampig recherchiert?

Ich verbringe beruflich viel Zeit in Indien, dort werden wir Deutsche bewundert für unsere Disziplin und Effizienz. An diesem Punkt starte ich meine eigene Recherche, und zwar mit der Frage: Wie misst ein Statistiker Arbeitsproduktivität für den internationalen Vergleich, und woher kommen die Unterschiede? Kleines Beispiel dazu: In Deutschland mietet ein Bauer einen 600 PS Mähdrescher, der pro Minute etwa eine Tonne Weizen erntet. In Indien hingegen – ich habe das eigens beobachtet – werden ein Dutzend Erntehelfer mit Sicheln aufs Feld geschickt. Arbeitsproduktivität ist nun das Arbeitsergebnis pro Arbeitsstunden, oder – volkswirtschaftlich gesprochen – das Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt zu den Arbeitsstunden eines Landes.

Sie ahnen schon, wie das in unserem kleinen Beispiel ausgeht. Deutschland: 57,36 Dollar/h. Indien: 3,40 Dollar/h (Zahlen von 2013, kaufkraftbereinigt). Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob wir Deutschen vor lauter Arbeitspotenz kaum laufen könnten. Aber Vorsicht! Der Inder ist keineswegs 16 Mal fauler als der Deutsche. Denn das Beispiel macht auch klar, dass die Produktivität vom Produktionsapparat abhängt, also hier der Mechanisierung. Außerdem kann ein Landwirt in Indien nichts dafür, dass „sein Produkt“ weniger wert ist als das eines Bandarbeiters in der deutschen Automobilindustrie. Dänemark hat einen vergleichbaren Produktionsapparat wie Deutschland, es ist ein hochindustrialisiertes Land, mehr als drei Viertel seiner Exporte sind Industriegüter oder Maschinen. Die Arbeitsproduktivität liegt auf ähnlichem Niveau, bei 55,75 Dollar/h. Also leicht niedriger.

Bei der Arbeitszeit gibt’s eine Überraschung. Als Reaktion auf eine kürzlich durchgeführte OECD-Studie titelte die FAZ: Fleissige Deutsche? Von wegen!. Denn nach OECD-Zahlen arbeitet der Deutsche nur 1.302 Stunden pro Jahr (die niedrigste Jahresarbeitszeit aller Industrieländer), im Vergleich zu 2.327 Stunden in Mexiko und 2.000 in Griechenland (sic!). Mein erstes Fazit nach Lektüre des Artikels: Ich muss der fleißigste Deutsche in Deutschland sein. Und ohne mich läge der Schnitt noch deutlich niedriger! Dann habe ich mich bei Freunden umgehört. Erste Zweifel. Dann habe ich mir das Ermittlungsverfahren angesehen bzw. das Institut für Arbeit und Technik hat das bereits gemacht, für ältere Zahlen zwar, aber die Überlegungen bleiben weiterhin gültig. Denn wenn man unter Anderem herausrechnet, dass Deutschland eine beispiellos niedrige Teilzeitquote hat (27%); wenn man zweitens eine „gewöhnliche Jahresarbeitszeit“ zugrunde legt statt tarifvertraglicher Arbeitszeiten, dann rückt Deutschland bereits ins untere Mittelfeld vor. Der Unterschied zu Dänemark ist unwesentlich, wenige Stunden. Deutschland hat allerdings mehr Urlaubs-/Feiertage, in Dänemark dagegen liegt die Wochenarbeitszeit (37,3 h) niedriger als in Deutschland (39,8 h).

Fazit: Deutschland und Dänemark sind sich sehr ähnlich, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht. Wo ist nun der feine Unterschied, der Dänemark im World Happiness Report (2016) der UN auf Platz 1 bringt, Deutschland hingegen auf Platz 16 (in 2015: Platz 26)? Natürlich, das ist eine dumme Frage (Glück kann man nicht kaufen), aber ich beantworte sie trotzdem – es gibt nur dumme Antworten, keine dummen Fragen. Gut. Hier der Versuch. Da haben wir zunächst eine andere Unternehmenskultur in Dänemark: Lange Arbeitszeiten und Überstunden sind dort unüblich bis sozial geächtet; sogar die Führungsriege macht zeitig Feierabend. Eine solche Haltung ist in der BRD allenfalls ein Nischenphänomen, wir sind eine Arbeitsgesellschaft mit dem Job als zentralen Identitätspfeiler. „Ich arbeite, also bin ich.“ Unsere Identität knüpft an das deutsche Wirtschaftswunder, an unsere Exporterfolge, an unsere Zugehörigkeit zu großen Firmennamen wie Bosch, Siemens, Daimler. Da muss das Private schon mal zurücktreten.

Zum anderen folgt Dänemark dem nordischen Modell des Sozialstaats: Allgemeiner Zugang zu Gesundheitsleistungen, Bildung und Arbeit. Dieser Wohlfahrtsstaat fängt damit viel von den Unsicherheiten der modernen Arbeitswelt ab und reduziert Zukunftsangst. Ein Glücksforscher würde sagen: Er minimiert Faktoren, die das Gefühl von Zufriedenheit beeinträchtigen. Wie zukunftsfähig dieses Modell ist, wird sich zeigen – bis jetzt funktioniert es. Und nochmal zur Verteilung der Jahresarbeitszeit, die in Dänemark dem Prinzip „Kürzer arbeiten, weniger Urlaub“ folgt. Zahlreiche Forscher sind überzeugt, dass mit zunehmender Arbeitsdauer die Effizienz überproportional abnimmt. Sie haben in dem Zusammenhang sicherlich bereits über Modellversuche im schwedischen Göteborg gelesen: Im Svartedalens-Altenheim und einer Toyota Werkstatt wurden 6 Stunden Arbeitstage eingeführt. Die Mitarbeiter seien als Folge entspannter, frischer und damit effizienter in ihrem Job, zudem seltener krank. In der Toyota-Werkstätte sei der Profit um 25% gestiegen.

Ach, eigentlich ist es eine undankbare Aufgabe zu erklären, warum andere glücklicher sind. Ich finde, die Deutschen haben ziemlich viele Gründe glücklich zu sein. Vielleicht sind wir nach Feierabend ein bißchen zu perfektionistisch. Aber sonst gilt, dass Platz 1 für uns Deutsche schon längst überfällig ist: Wir haben saubere, grüne, lebenswerte Städte; unter den weltweit lebenswertesten Städte sind drei aus Deutschland in den TOP10. Wir haben eine ausgeprägte Gemütlichkeitskultur, das Oktoberfest, eine blühende Vereinskultur, Wein und Bier, fantastische Natur von den Alpen bis zur Nordsee, saubere Flüsse und Seen, eine lebendige Kulturszene. Ja, Jammern geht immer, aber Zufriedenheit eben auch.

Meine persönliche Theorie zur Frage, warum die Deutschen nicht das glücklichste Land der Welt sind? Die Statistiker haben einfach die falschen Leute gefragt.