Pro Jahr erscheinen etwa so viele Erst- und Neuauflagen in Deutschland, wie Sie Titel in der Münchner Hugendubel Filiale am Marienplatz finden: Etwa 90.000 – darunter allein 14.000 neue Romane. Hiervon liest der Deutsche dann im Schnitt 9 bis 12 pro Jahr . Die Spiegel-Bestsellerliste oder der Deutsche Buchpreis sind hier eine willkommene Orientierungshilfe. Dieses Jahr ging der Buchpreis an ein Roman, der mit dem vielversprechenden Satz beginnt: „Da läuft ein Schwein!“

Das Schöne an der Lektüre mit Qualitätssiegel dieser Art ist zunächst einmal ein ähnlich befriedigender Effekt wie die Besteigung des Eiffelturms oder der Besuch des Taj Mahals: Häkchen bei einem Punkt im Kanon des Bildungsbürgertums – und offenbar auch ein Schritt zur Reife für das letzte Sakrament (nach der Logik von Ratgebern wie „100 Orte die man sehen muss bevor man stirbt“). Selfie – Posten – Ätschibätschi: Ich war da. Selfie geht natürlich bei Büchern nicht, aber da schreibt man dann eine pseudo-intellektuelle Kolumne wie ich. Die Welt funktioniert nicht ohne Eitelkeit.

Ich habe mir das Buch vor allem gekauft, weil es als großer Europa-Roman gepriesen wurde. DIE ZEIT: „Menasses Buch, ein ironischer Gesellschaftsroman mit Krimielementen, spielt in Brüssel und setzt sich mit der EU-Bürokratie auseinander. Am Beispiel zahlreicher Figuren und Erzählstränge entwirft er ein schillerndes Panorama der europäischen Eliten.“ Umso überraschter war ich über eine Erzählung, die wie ein melancholischer Abgesang wirkt. Es wird vor allem viel gestorben in dem Roman. Das Buch beginnt mit dem Mord durch einen Auftragskiller, endet mit einem Bombenanschlag auf eine U-Bahn, und zwischen Anfang und Ende überleben es auch nicht alle.

Die Leitidee des Buches ist „Nie-wieder-Ausschwitz“, heißt: Das europäische Projekt als Vision einer nachnationalen Ära, einer Überwindung des Nationalismus, der das 20te Jahrhundert zu einem schwarzen Loch in der Geschichte gemacht hat. Das Thema Ausschwitz durchwirkt sämtliche Handlungsstränge, selbst der Name des polnischen Protagonisten “Oswiecki” (der im Übrigen nicht überlebt) bedeutet auf Deutsch nichts anderes als “Auschwitzer”. Fast liest sich das Buch wie eine trotzige Antwort auf die AfD, die sich so gerne der deutschen Erinnerungskultur entledigen will.

Es fällt schnell auf, dass das Buch bevölkert wird von einer „Versammlung politisch Halbkompetenter“ (DIE ZEIT). „Die Hauptstadt“ darf darum eigentlich keinem Europa-Skeptiker in die Hände fallen, denn da würde es schnell als Anti-Propagandamaterial missbraucht. Man reibt sich verwundert die Augen: Das ist der Roman eines bekennender Europäers? Auch die Buchkritiken finden hierauf keine befriedigende Antwort, sie verweisen ratlos auf Menasses pro-europäische Schriften, seine Essays, seine Hohelieder einer kompetenten Kommission und weitsichtigen Beamten. Das Buch lässt sich also nur im Kontext des Gesamtwerks von Robert Menasse verstehen. Aha.

Neben „Nie-wieder-Ausschwitz“ als Leitidee und Begründung für das europäische Projekt habe ich persönlich die Bedeutung ebendieses Projektes für die Relevanz der europäischen Stimme auf der politischen Weltbühne vermisst. Denn neben den USA und China können sich Länder wie Italien, Frankreich oder Belgien schon lange kein Gehör mehr verschaffen. Diese Dimension Europas wird im Roman höchstens angedeutet, nämlich in der ironisch verzerrten Nebenhandlung um die Verhandlung über den Export von Schweinefleisch und Schlachtabfällen nach China. Ausgerechnet.

Kann ich das Buch nun empfehlen? Ja, es ist ohne jeden Zweifel unterhaltsam, und hinter der satirisch verzerrten Handlung tritt der komplexe multinationale Betrieb der Brüsseler Politik und Bürokratie erkennbar hervor. Menasse hat dafür jahreslang vor Ort recherchiert. Außerdem ist „Die Hauptstadt“ der weltweit erste EU-Roman. Ein Superlativ. Ein Muss.