„Ich will mein Leben zurückhaben!“ , das sagte Nigel Farage, nachdem er mit dem Brexit sein Land zurück hatte. Das klingt nach Auferstehung vom Tod, so als ob er als Abgeordneter des Europäischen Parlaments tiefgefroren in einer Truhe gelegen hätte. War das Essen im Elsass so fürchterlich, die Wochen im Parlament ohne Fish and Chips so entbehrungsreich, dass das nur ein Dahinvegetieren war?  Hatte er seine Tage in den öden Vogesen nur dahingefristet, haben ihm der strahlende Sonnenschein am Londoner Themseufer oder in den Highlands so gefehlt?

Zugegeben, nicht jeder Mensch ist ein Picasso, dem jeder Pinselstrich eine Ekstase war, unvorstellbar, dass dieser seine Malerei als quälende Arbeit empfunden hat. Vielleicht eine Ausnahme? Ich kenne durchaus Menschen, denen der Satz von Farage nicht über die Lippen käme. Sie sind gerne Lehrerin, Koch, Bürgermeister oder Förster. Sie haben nicht das schale Gefühl des ungelebten Lebens, das zurückbleibt am Ende des Tages oder der Tage. Denn überall gibt es Routine, Durststrecken, Sackgassen und Vergeblichkeit! Nicht alles ist Quality Time, diese neue Vorstellung von Selbstverwirklichung.

Dass es Michelin-Sterne, Weltmeisterschaften im Pflügen oder im Bäume-Abhacken gibt, beweist die wunderbar vielfältige Fähigkeit des Menschen für intrinsische Motivation. Aber wie machen die Menschen das nur? Das, was zu tun ist, gerne zu tun, mit Hingabe, mit Freude? Ärzte, die aufgehen in ihrem Beruf – Landwirte, die gerne säen – Menschen, die gerne kochen, sogar gerne putzen?

Jeder Mensch kann sich Berufe vorstellen, die schrecklich sind. Ich stelle mir einen meiner Vorfahren vor, wie er stundenlang hinter einem Pflug, bespannt mit zwei müden Kühen, hergelaufen ist. Kam der dann nach Hause, spannte die Kühe aus und sagte er zu seiner Frau, heute Abend will ich mein Leben zurückhaben?! Und wie könnte dieses richtige Leben dann ausgesehen haben? Könnte ich nicht auch lernen, so ein Leben zu lieben?

Ja gewiss, die Hormone tragen ihren Teil dazu bei und die ganzen Belohnungssysteme in unseren Hirnen. Aber nicht alle Hingabe, nicht alle Verantwortlichkeit und nicht jedes Interesse ist damit zu erklären. Es bleibt ein Rest: Ich kenne Menschen, die mit 50 noch stöhnen über ihre Familie, die zu viel von ihrer wertvollen Aufmerksamkeit verlangt, über ihre öde Arbeit, über die Kollegen, die alle einen an der Waffel haben. Hätten die ehelos bleiben sollen oder haben die den falschen Beruf gewählt? Ja, so etwas kommt sicherlich vor. Aber könnten wir uns beispielsweise darauf einigen, was auf jeden Fall ein falscher Beruf ist? Ich bezweifle es.

Man muss nicht gleich den Rückzug ins Private beklagen, der aus solchen Haltungen erwächst. Ich gehe aus Erfahrung solchen Menschen tunlichst aus dem Weg; so genau kann ich auch nicht erklären, warum. Jetzt beobachte ich erst mal, was Nigel Farage mit seinem Leben macht. Er will ja in jedem Fall in Straßburg bleiben. Vielleicht ist das Essen dort doch nicht so schlecht.