Nehmen wir einmal an, es sei ihr Schicksal, ein berühmter Musiker zu sein – beliebt, verehrt, gefeiert. Was interessiert Sie da, ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht? Wenn Schicksal so verlockend daherkommt, dann wird die philosophisch-neurologische Diskussion um die Willensfreiheit etwa so relevant wie die Frage, ob es in einer Galaxie vier Millionen Lichtjahre weiter Wasser gibt oder nicht. Überhaupt scheint die Frage nach dem freien Willen in ihrer praktischen Bedeutung überschätzt; was interessiert das beispielsweise jemanden, der als Frau im Kongo geboren wird. Diese Frau hat andere Sorgen. Aber wenn es einen wirklich freien Willen gäbe, und zwar von Anfang an, dann wäre diese Frau wohl eher nicht im Kongo auf die Welt gekommen.

Die freie Wissenschaft hat im Übrigen eine geteilte Meinung zum freien Willen. Das lässt sich leicht nachvollziehen: Stellen Sie sich eine Situation vor, in der jemand in einer Kneipe sehr unhöflich und aggressiv angepöbelt wird. Die Handlungsoptionen sind Weinen, Weglaufen, Zurückpöbeln, Zuschlagen. Überlegen Sie einmal, wie einige ihrer (männlichen) Freunde in dieser Situation reagieren würden: Vermutlich könnten Sie das ziemlich treffend vorhersagen. Warum? Weil Menschen in der Regel über typische und relativ stabile Handlungsmuster verfügen. Wir treffen Entscheidungen auf Basis von verfügbaren Informationen, meist eigene Erfahrungen. In einer deterministischen Weltsicht bildet das Leben von der Wiege bis zur Bahre eine durchgängige Kausalkette. Wo fängt hier der freie Wille an, wo hört er auf? Der Neurowissenschaftlicher Coyne behauptet, dass ein wirklich freier Wille von uns verlangen würde, aus der Struktur unseres Gehirns auszusteigen (!) und seine Arbeitsweise abzuändern. Aha. Das ist eine harte Bedingung für die Existenz des freien Willens, natürlich sehen nicht alle Wissenschaftler das so streng. Aber Sie merken schon: Diese Diskussion ist nicht einfach.

Vielleicht sollten wir uns zunächst fragen: Wollen wir das überhaupt? Wie frei wollen wir eigentlich sein? Freiheit ist anstrengend, das heißt Verantwortung, Schuldgefühle, Arbeit. Schicksal dagegen heißt: Die Verantwortung liegt woanders. Auch nicht schlecht. Verantwortung delegieren geht ganz einfach: Schicksalsgläubigkeit bei den einen, Vertrauen in den Willen Gottes bei den anderen oder der Glaube an die Sterne. Zwei Prozent der Deutschen (also 1,6 Mio) sind hardcore-astrologiegläubig, und immerhin ein Viertel glaubt Umfragen zufolge, dass “die Sterne unser Leben beeinflussen”. Nach dem Soziologen Alain Ehrenberg sind wir mit der Freiheit und damit verbundenen Verantwortung in der Moderne überfordert, er sieht darin den Grund für die massive Zunahme von Depressionen in unserer Zeit (vgl. sein Buch „Das erschöpfte Selbst“) – ebenso wie Hysterie die vorherrschende Krankheit in der viktorianisch-prüden Gesellschaft war.

Ich persönlich kann mich nicht mit der Idee anfreunden, Spielfigur eines wie auch immer gearteten Schicksals zu sein. Determinismus finde ich bedrückend: Dass wir in einer Kausalkette seit Adam und Eva gefangen sind und hieraus nicht ausbrechen können; mir wurde als Kind schon einmal gesagt, unsere Familie könne nicht schreiben, ich solle mir wegen meiner Deutsch-Noten keine Gedanken machen. Jetzt schreibe ich Kolumnen. Als kompromissfähiger Mensch könnte mich durchaus auf mein Schicksal einlassen, wenn ich überzeugt wäre, die Welt steuere quasi im Autopiloten-Modus auf paradiesische Zustände für alle zu. Aber danach fühlt es sich nicht an – ungeachtet aller medizinischen oder politischen Fortschritte, die die Menschheit erzielt hat. Es bleibt also nur die Revolution! Ich will keine biomechanische Marionette sein!

Gesucht: Ein Weg, das eigene Schicksal zu überlisten. Eine Methode Entscheidungen treffen, ohne auf alte Handlungsmuster reinzufallen. Nota Bene: Wir müssen aus der Struktur unseres Gehirns aussteigen. Das geht – ja genau – mit einem Würfel! Wir schreiben in einer Situation alle Handlungsoptionen auf, nummerieren diese durch von 1 bis 6. Dann werfen wir den Würfel (alea iacta est) … und machen bisweilen etwas, das außerhalb unseres Verhaltensrepertoires liegt. Wir sagen trotzig Nein! zum Ergebnis einer Sozialisation, die uns in die Wiege gelegt wurde. Wir nehmen die Abzweigung ins Ungewisse. Wir fangen klein an: Schokokuchen oder Käsekuchen, Vanilleeis oder Erdbeer? Später werden wir mutiger: Bücherwahl, Abendprogramm, Reiseziele, …

Sie meinen, wir seien mit der Unterwerfung unter den Zufall des Würfels kaum weniger schicksalsergeben wie bei einer Entscheidung nach eingeübten Denkmustern? Sie haben natürlich Recht. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, was dazwischen entsteht.