In Zukunft können wir Autos gemeinsam nutzen, sogar ohne Einbußen beim Komfort: In der Ära selbstfahrender Autos kommen die Fahrzeuge auf Knopfdruck, wenn wir sie brauchen, bringen uns sensorgesteuert unfallfrei auf der schnellsten Route zum Ziel. Schöne neue Sharing Economy. Da ein Auto im Schnitt 23 Stunden ungenutzt herumsteht, führt die Erhöhung der Nutzungsintensität in der Sharing Economy dazu, dass wir weniger Autos brauchen. Nach dem Verkehrsclub Deutschland ersetzt schon heute ein Auto in einem Car Sharing Verbund 8 Fahrzeuge. Acht!! Selbst wenn wir nur Faktor 4 erreichen, würde der Autoabsatz auf ein Viertel des heutigen Verkaufsvolumens sinken. Ein Alptraum für die Automobilindustrie.

Umweltschützer wiederum hoffen auf ein Szenario der Entmaterialisierung unserer Konsumgesellschaft. Nutzen statt Besitzen! Sharing nicht nur für Autos, sondern auch Rasenmäher, Heckenschneider, Bohrmaschinen, Anhänger, Friteusen, Eismaschinen, Staubsauger, Motorsägen, Waffeleisen undsoweiter. Sie brauchen sich nur einmal zu Hause umzusehen, welche Gegenstände Sie schon seit Monaten nicht mehr benutzt haben oder welche Sie nur gelegentlich aus dem Regal holen. Sie verstehen sofort das Potential für die Sharing Economy. Gleiches gilt natürlich auch für Ihre Wohnung an sich: Während Sie im Urlaub sind oder wenn die Kinder ausgezogen sind, können Sie mit AirBnB das Sharing-Potential des ungenutzten Wohnraums in bares Geld verwandeln.

Klingt überzeugend, ist es aber nicht. Leider. Die Sharing Economy wird unsere Umweltprobleme nicht lösen. Es beginnt damit, dass das Potential für Sharing begrenzt ist: Niemand will sein Bett teilen (zumindest nur in Ausnahmefällen), seine Badewanne oder die Unterhosen. Bei Gegenständen mit geringem Wert sind die Transaktionskosten (Abstimmung zu Nutzungszeiten, Logistik, Klärung von Schadensfällen) zumal so hoch, dass sich Sharing in der Praxis nicht durchsetzen kann. Wussten Sie außerdem, dass die Anzahl der Haushaltsgegenstände seit dem Jahr 1900 von 400 Objekten auf heute 10.000 explodiert ist? Wir shoppen einfach gerne und wir können uns das dank konstant sinkender Produktionskosten für viele Güter auch leisten. Es ist auch nicht auszuschließen, dass 3D Drucker in Zukunft so hoch-individualisierte Produkte schaffen (z.B. ergonomisch optimierte Autositze), die Eigenbesitz gegenüber einer Sharing-Option immer vorteilhaft erscheinen lässt.

Sie finden, das könnte man auch optimistischer sehen? Dann kommt jetzt noch eine ganz bittere Pille: Die Sharing Economy verändert einfach nur unsere Konsummuster. Simples Beispiel. Zwei Studenten beschließen eine WG aufzumachen. Wenn jeder ein Einzelappartement bezieht, braucht jeder eine Waschmaschine und eine Kücheneinrichtung. Wenn Sie zusammenziehen, brauchen die beiden Studenten nur eine Waschmaschine und eine Küchengarnitur. Mikroökonomisch gesehen ist das bereits eine Sharing Economy. Und hier gilt: Jeder Student spart in der WG, sagen wir: 500 Euro. Was denken Sie, was die Studenten damit machen? Der eine kauft sich einen gebrauchten Roller, der andere fliegt übers Wochenende nach Mailand zum Shoppen. Ökonomisch gesehen ist Sharing schlicht eine Verbilligung der Nutzungsoption. Das eingesparte Geld wird woanders wieder ausgegeben.

Für eine wirkliche Entmaterialisierung müssten Konsummuster verändert werden: Naherholungsgebiet statt Fernreise, Fahrrad statt Auto, Massage statt Massagestuhl … ach, das kennen Sie doch alles! Während also die Sharing Economy als solche unsere ökologischen Probleme nicht lösen kann, so kann sie aber durchaus die politische Akzeptanz für ein neues Wirtschaftsmodell schaffen, zum Beispiel die Postwachstumsökonomie à la Nico Paech: Denn wenn jeder nicht mehr so viel Geld braucht für seinen Lebensstil, dann könnten wir ja weniger arbeiten, mehr Zeit für den Eigenanbau von Gemüse verbringen, etcetera. So, hier ist aber Schluss. Die DIN A4 Seite ist voll.

Ich will mit dieser Kolumne die Welt auch gar nicht retten. Mein Ziel ist viel bescheidener: Bisschen Unterhaltung. Überhaupt scheint mir aber Bescheidenheit eine vernünftige Haltung zu sein angesichts der anstehenden Herausforderungen. Ach, dabei fällt mir noch auf: Kolumnen schreiben ist ein Hobby mit einer geradezu vorbildhaften Bilanz beim Ressourcenverbrauch. Das Lesen übrigens auch. Na, Sie und ich, ich glaube wir sind schon auf dem richtigen Weg!