Beethoven, Mozart, Einstein, da Vinci, Kasparow – in Kürze auf Bestellung: Die Menschheit steht kurz davor, Genies am Fließband zu produzieren. Ein Genforscherteam aus Portland hat mit seinen Experimenten (CRISPR-CAS9) an erbkranken Embyronen die Grenze des technisch Machbaren beachtlich ausgeweitet; gen-optimierte Wunschkinder sind nur noch eine Frage der Zeit. In dem Film „Limitless“ verfasst die Figur Eddie Morra mithilfe eines Brain Enhancers innerhalb weniger Tage einen Bestseller, wird zum Millionär und steht am Ende des Films kurz vor dem Einzug ins Weiße Haus. Der Tesla-Gründer Elon Musk hat kürzlich ein Start-Up aufgekauft, das Hirnimplantate entwickelt, um das menschliche Gehirn mit Computern zu vernetzen. Stichwort: Transhumanismus.

Die Diskussion um sinnvolle ethische Grenzen ist müßig, stattdessen sollten wir uns darauf einstellen, dass Human Engineering die gesellschaftliche Realität in absehbarer Zukunft prägen wird. So oder so oder durch die Hintertür. Die Verwerfungen sind bereits heute absehbar: Die Ungleichheiten zwischen den Eliten und dem Rest der Gesellschaft werden sich nochmals verschärfen. Es ist damit zu rechnen, dass sich die Elite mit Mitteln der kognitiven und genetischen Optimierung selbst reproduziert. Damit wird die heute implizit zugrunde gelegte Prämisse der „Chancengerechtigkeit“ unseres westlichen Gesellschaftsvertrages radikal aufgehoben.

Bereits heute hat Chancengerechtigkeit eine unübersehbare Schieflage, doch bildungspolitische Maßnahmen, Quotenregelungen oder Sozialpolitik machen dies bislang erträglich. Mit Human Engineering jedoch wird die Illusion ausgewogener Chancen für alle vollends zerfallen. Darum muss unser westlicher Gesellschaftsvertrag neu ausgehandelt werden, namentlich das Verhältnis zwischen Eliten und Gesellschaft. Unter welchen Bedingungen akzeptieren wir eine „Elite qua Geburt“, ganz im Gegensatz zu einer „Elite qua Leistung“? Wie lässt sich die besondere gesellschaftliche Verantwortung dieser Elite sicherstellen?

Auch die Verteilungsfrage stellt sich neu, zumal das Zeitalter des Human Engineering mit der Vierten Industriellen Revolution (=Digitalisierung) zusammenfällt, die wahrscheinlich massenhaft Arbeitsplätze eliminiert. Telekomchef Höttges und Siemens Chef Kaeser plädieren als Antwort darauf für das bedingungslose Grundeinkommen. Wir müssen ebenfalls den sinnvollen Umfang öffentlicher Güter neu bewerten: Von kostenfreien öffentlichen Verkehrsmitteln und der stärkeren Forderung von Kulturvereinen bis hin zum freien Zugang zum Angebot von Musikschulen, Sportanlagen, Bibliotheken – sicherlich mit einem Fokus auf regionale Angebote unter dem Aspekte einer ökonomisch verträglichen Freizeitgestaltung.

Ebenso wird man über eine Regulierung der Vermögensbildung nachdenken müssen, nicht zuletzt um ein Unterlaufen demokratischer Entscheidungsprozesse zu verhindern; schon heute können Superreiche eine politische Agenda umsetzen, die sich jenseits demokratischer Legimitation vollzieht (z.B. Bill Gates / Entwicklungspolitik, George Soros / Bildungspolitik). Es geht auch darum, die Versuchung der Selbstbereicherung einzudämmen, die sich bei Eliten im polit-ökonomischen Netzwerk ergeben kann. Wenn im Zeitalter der Digitalisierung nur noch wenige arbeiten (müssen), werden wir neue Maßstäbe der angemessenen Entlohnung benötigen. Eine Forderung ist bereits klar: Transparenz.

Angesichts dieser weitreichenden Umwälzungen ist es ernüchternd festzustellen, in welch geringem Maße politische Akteure diesen Prozess gestalten können und wollen. In einem Interview über die Folgen der Digitalisierung erläutert Richard David Precht seine Bedenken: Es gibt keine politische Vision für die Digitalisierung, stattdessen erläutern die politischen Gesprächspartner, „welche winzigen kleinen, aber hartnäckigen Probleme sie Tag für Tag davon abhalten, überhaupt irgendetwas verändern zu können.“ Precht weiter: „Denen erscheint das, was ich ihnen sage, wie ein Science-Fiction-Film, vom dem sie sagen, kann ja alles sein, aber was hat das mit mir zu tun.“

Umso mehr sind vereinzelte mutige Experimente der Politik zu begrüßen: So läuft seit einigen Monaten der Feldversuch eines bedingungslosen Grundeinkommens in Finnland, auch das Bundesland Schleswig-Holstein plant einen Modellversuch. Gleichzeitig sollte mit einem bedingungsvollen Grundeinkommen experimentiert werden – Empfänger des Grundeinkommens könnten beispielsweise zu Gemeinschaftsarbeit verpflichtet sein. Und wo wir schon mitten im Brainstorming sind: Zwecks Rückbindung der Eliten an gesellschaftliche Realitäten könnten ausgewählte Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung an ein Pflichtjahr in einer Organisation wie dem Flüchtlingshilfswerk gekoppelt werden oder die Patenschaft in einem sozial schwachen Gebiet.

Es wird sicherlich eine Herausforderung, die dann entstehende Dynamik im wirtschaftlichen und politischen Bereich demokratisch zu bändigen; aber ein wenig Optimismus muss erlaubt sein: Ein weiterer Beethoven als Zeitgenosse, oder ein Mozart, Warhol, Beuys, Kubrick, Lincoln, Gandhi, Buddha. Darauf darf man sich durchaus freuen.