Das Paradies auf Erden müsste in naher Zukunft eigentlich zum Greifen nah sein: Dank Maschinisierung und intelligenter Algorithmen wird der Mensch erlöst sein vom Joch der Arbeit. Homo Sapiens widmet sich fortan nur noch seiner Freizeit, der Familie, der Philosophie, Kunst, Selbstentfaltung. Bereits in den nächsten 30 Jahren werden wir nur noch 4 Stunden am Tag arbeiten, so die Erwartung des chinesischen Milliardärs Jack Ma. Die Vorboten dieser Zukunft sind allerorten zu sehen: Algorithmic Trading an der Börse, eigenständige Staubsauger oder Rasenmäher, selbstfahrende Autos.

Doch dieses Paradies kommt mit allerhand Kleingedrucktem, warnt der Historiker Yuval Harari; Homo Deus liest sich stellenweise wie „Die Menschheit schafft sich ab“. Doch der Reihe nach. Zunächst einmal beschreibt Harari den zunehmenden Kontrollgewinn im Verlaufe der Geschichte. Die drei großen Menschheitsplagen Krieg, Hunger und Epidemien sind für den größten Teil der Weltbevölkerung heutzutage nicht mehr relevant, eine völlige Ausmerzung ist in politischer Reichweite. Harari verrät außerdem das Erfolgsrezept des Homo Sapien bzw. dessen Entwicklungsstufen bei dieser Erfolgsgeschichte: Seine Fähigkeit zu flexibler Kooperation in großen Gruppen (im Gegensatz zu anderen Tieren), die Agrar-Revolution, die Kognitive Revolution, die Wissenschaftliche Revolution, der Kapitalismus mit seinem optimistischen Wachstumsglauben.

Nach diesem Parforce-Ritt durch die Menschheitsgeschichte beschreibt Harari die zunehmende Durchdringung der Arbeits- und Lebenswelt mit Künstlicher Intelligenz (KI) bzw. Computer-Algorithmen: So wird KI bereits heute für Investitionsentscheidungen eingesetzt, in einem Laborversuch erstellte ein Algorithmus medizinische Diagnosen für Lungenkrebs mit höherer Zuverlässigkeit als Ärzte (90% vs. 50%), die „Electronic Musical Intelligence“ (EMI) komponiert Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninov, ohne dass für Zuhörer der nicht-menschliche Ursprung erkennbar wäre. Nota Bene: Während Ärzte je einen jahrelangen Ausbildungsprozess durchlaufen müssen, könnte KI zur medizinischen Diagnose mit vernachlässigbaren Grenzkosten beliebig vervielfältigt werden.

Harari weist darauf hin, dass Wohlstand und militärische Verteidigungsfähigkeit eines Landes im 20ten Jahrhundert von Bildung und Leistungsfähigkeit der Gesamtbevölkerung abhingt; doch dieser Zusammenhang löse sich im digitalen Zeitalter auf. Der Autor stellt trocken fest: „Um gegenüber Japan wettbewerbsfähig zu sein, brauchte Brasilien statt Millionen von gesunden Arbeitern und Angestellten eigentlich nur einige wenige Über-Menschen mit technischen Upgrades bei Intelligenz und Gedächtnis“; diese neue Spezies nennt Harari den Homo Deus. Klingt nach Sci-Fi? – Der Tesla-Gründer Elon Musk hat kürzlich ein Start-Up aufgekauft, das an Hirnimplantaten forscht, um das Gehirn mit dem Computer zu vernetzen. Der Mensch, ist Musk überzeugt, müsse sich langfristig zum Cyborg aufrüsten, sonst werde er inmitten der künstlichen Umgebungsintelligenz überflüssig..

Harari fragt besorgt, ob unter diesen Umständen das Zeitalter des Massenwohlstandes zu Ende ginge: Denn der Mensch wird in Wirtschaft und Militär obsolet. Wie wird außerdem das Verhältnis zwischen Homo Deus und dem unterlegenen Homo Sapiens sein? Game Over? Harari geht noch weiter: Das Fundament unserer heutigen Welt- und Sinnordnung ist der Humanismus, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt, genauer: Die Urteilsfähigkeit des Menschen, dessen freien Willen, dessen Individualität. Nun hat die Autorität des Menschen mit den ernüchternden wissenschaftlichen Erkenntnissen zum freien Willen bereits einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Der technische Fortschritt könnte diesen Humanismus weiter unterminieren: Wenn ein Algorithmus uns besser kennt als wir uns selbst, wenn eines Tages Google in der Wahlkabine unsere politischen Überzeugungen genauso gut – oder sogar besser – repräsentieren kann wie wir selbst, was bleibt dann übrig von Demokratie, Liberalismus, Humanismus?

Homo Deus ist eine bittere Pille mit zuckersüßem Überzug: die Analysen des Intellektuellen sind verstörend, dabei serviert mit viel Sprachwitz und unterhaltsamen Beispielen. Karl Valentin würde sagen: Die Zukunft war früher auch besser. Doch Harari ist kein Pessimist. Zukunft ist gestaltbar, der Lauf der Geschichte keineswegs deterministisch. Das Buch ist ein Denkanstoß, so mächtig, dass man erst einmal Kopfschmerzen davon bekommt. Aber klar ist: Das Gestaltungspotential ist gigantisch, nun ist politischer Gestaltungswille gefragt. Es ist Zeit für Utopien!

In dem Buch wird unter anderem ein helmartiges Netz an Elektroden vorgestellt, das die Konzentration verbessert und für militärische Zwecke erprobt wird. Die Journalistin Sally Adee testete diesen „transcranial stimulator“ und berichtet von einer „quasi-spirituellen Erfahrung“. Wie gefällt Ihnen folgendes Szenario: Das US-Militär (von mir aus auch Facebook oder Google) entwickelt dies weiter zu einem Meditationshelm, der innerhalb weniger Wochen zur Erleuchtung führt, zur Erfahrung des All-Einen im buddhistischen Sinn. Wow. Happy End.