Mein vorheriges Leben muss sehr lange her sein. Ich habe alles darüber vergessen. Schade. Aber diese Erinnerungen dürften in einem Gehirn gespeichert sein, das es jetzt leider nicht mehr gibt. Mit viel Optimismus könnte ich annehmen, dass es vielleicht irgendwo im Kosmos eine Sicherheitskopie gibt – aber offenbar auf einer Bewusstseinsebene, die ich bislang weder mit noch ohne Alkohol erreicht habe.

Die Wiedergeburt ist eine bemerkenswerte Errungenschaft in der Ideengeschichte der Menschheit. Sie löst so viele Probleme. Hier die Executive Summary für zeitgestresste LeserInnen: Nach dieser Idee starten Menschen den Kreislauf der Wiedergeburt mit einem niedrigen spirituellen Bewusstsein und erlangen schließlich den Zustand der Erleuchtung. Wer die Erleuchtung in diesem Leben nicht erreicht, für den gibt es eine zweite Chance. Eine Dritte. Eine Vierte. Es ist eine tröstende Botschaft.

Wiedergeburt ist, zweitens, häufig (aber nicht zwingend) mit dem Konzept des Karma verknüpft: Jedes Tun hat Konsequenzen, es fällt früher (in diesem Leben) oder später (in einem zukünftigen Leben) auf Dich zurück. Es ist ein Versprechen von verlässlicher Gerechtigkeit: Nicht die unsichtbare Hand des Marktes (Adam Smith), sondern die unsichtbare Hand des Karma wirkt in unser aller Leben. Diese Idee diszipliniert.

Idealerweise stelle ich mir die Wiedergeburt so vor: Wir werden mit dem Wissen aus einem vorangegangenen Leben wiedergeboren, und zwar in einem jungen (attraktiven) Körper. Wir müssen nicht mehr in die Schule, denn das kennen wir alles schon. Wir haben die Menschenkenntnis, um bei der Wahl von Partner und Freunden große Enttäuschungen zu vermeiden. Wir sind weise wie Salomon. Aber leider, leider, so funktioniert Wiedergeburt nicht! Es ist vielmehr wie bei Mensch-Ärgere-Dich-nicht: Du wirst rausgeschmissen, danach geht alles wieder von vorne los: Windeln, Schule, Pickel. Man mag mir diese karikaturhafte Überspitzung nachsehen, aber so in etwa würde ich das meinem Kind erklären.

Für Erwachsene darf es natürlich auch etwas differenzierter sein: Nach der hinduistischen Reinkarnationslehre geht nur die Seele („Atman“) über, darum heißt es „Seelenwanderung“. Es dürfte klar sein, dass die Seele das Schulwissen nicht mitbringt. Mit kindlicher Unschuld wundert man sich hier allerdings, was diese Bevölkerungsexplosion für die Wanderungsbewegung der Seelen bedeutet? Und: Werden Seelen bei Bevölkerungsrückgang nicht zwangsläufig heimatlos? Das sind keine einfachen Fragen. Darum überspringen wir die der Einfachkeit halber einmal.

Im Buddhismus entstehen solche arithmetischen Paradoxien erst gar nicht, hier gibt es keine Seelenwanderung (im Buddhismus ist das ICH ohnehin eine Illusion): Wiedergeburt wird hier verstanden als „Bedingtes Entstehen“, indem die Taten eines Menschen und das sich aus ihnen ergebende Karma eine neue Geburt bedingen, OHNE dass etwas von der einen Person in die andere übergeht. Dieses Prinzip erinnert mich an den Hauptsatz der Thermodynamik, wonach Energie in einem geschlossenen System immer gleich bleibt. Ersetzen Sie Energie durch Karma, voilà. Wir leben in einer Welt der Interdependenzen, wo unentwirrbare Kausalketten die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden. So verstanden, müsste die Idee der Wiedergeburt eigentlich mehrheitsfähig sein.

Das buddhistische Prinzip der Wiedergeburt auf einer inter-personellen Ebene bedeutet aber auch, dass das Gerechtigkeitsprinzip nur bedingt erfüllt wird: Das Karma einer Person wird eben nicht unmittelbar an eine andere Person übergeben. Und das ist auch gut so. Man darf eine gewisse Portion Skepsis gegenüber Glaubensprinzipien aufrechterhalten, die Gerechtigkeit im Jenseits oder in einem weiteren Leben versprechen. Gesellschaftspolitisch gesehen stabilisieren solche Ideen eine herrschende Gesellschaftsordnung: Wer in einer hierarchischen Gesellschaft wie Indien die Hoffnung auf den Aufstieg in der Hackordnung hat – wenn auch erst in einem späteren Leben – , der arrangiert sich.

Ich werde mich nicht arrangieren. Ich will auch nicht wiedergeboren werden. Ich glaube auch nicht, dass ich in meinem früheren Leben Goethe oder Shakespeare gewesen bin. Aber wenn ein Schriftsteller in 100 Jahren behauptet, er sei eine Wiedergeburt von Sebastian Zang, na, dann würde ich mich sicherlich nicht beschweren.