Das Burkaverbot ist ein Thema, zu dem man eine Meinung haben sollte. Also hier ist sie. Ja, richtig, meine Kolumne ist auf den ersten Blick zu spät, Prime Time für das Thema war der Sommer 2016: Als vier französische Polizisten in Schutzweste eine Frau am Strand umringten, die statt eines Bikinis schwarze Leggings und eine türkisfarbene Tunika trug. Damals wuchteten namhafte Kolumnisten zu diesem Thema Ihre gedrechselten Sätze in die Medien: „Man kann nicht alles verbieten, was einem nicht passt.“ (Jan Fleischhauer), „Die Burka ist ein Instrument des Missbrauchs” (Bild.de-Chef Julian Reichelt), „In Frankreich ist die Burka seit Jahren verboten. Ohne irgendein Ergebnis.“ (Jakob Augstein).

Zu spät? Zum einen war eine Meinung zu dem Thema nicht wirklich zeitkritisch, denn hierzulande gibt es praktisch keine Burka (ich meine hier ausschließlich die Vollverschleierung). Zum anderen verweigere ich mich dem Anspruch, zu jeder Schlagzeile sofort eine Meinung parat zu halten. Die Welt ist viel zu komplex für schnelle Meinungsbildung; und was viele für eine Meinung halten, ist nicht viel mehr als eine emotionale Reaktion auf die ersten Infos, die sie in ihrer Lieblingszeitschrift zu dem Thema gelesen haben. Ja, das ist natürlich eine Meinung, aber mit so was sollte man als gebildeter und selbstkritischer Mensch nicht gleich auf die Straße gehen.

In meinem Milieu kommt eine liberale Position immer gut an. Ich könnte es mir also einfach machen. Aber das wäre ziemlich langweilig – für Sie und für mich. Nach dem aktuellen Diskussionsstand zum Burkaverbot verheddert man sich unversehens in Fragen zur „Unterdrückung der Frau“ und dem „Islam“. Kann man das Burkaverbot nicht auf einer viel elementareren Ebene diskutieren? Ich meine damit nicht, dass die Burka zu Dehydrierung und Vitamin D Mängel führen kann (was auch stimmt). Es geht mir eher um den Aspekt „Öffentlicher Raum“: Öffentliche Räume funktionieren, weil Personen diesen Raum mit ihrer Identität betreten und damit haftbar bleiben für ihr Tun; das schafft das nötige Vertrauen für das Entstehen für öffentlichen Raum.

Es kommt hinzu, dass Menschen wenig Positives assoziieren mit Personen, die ihr Gesicht bzw. ihre Identität verdecken: Bankräuber (Gesichtsmaske), Ku-Klux-Klan (weiße Kapuze), Ritter (Helme). Es dürfte klar sein, worauf ich hinaus will. Es gibt in Deutschland und anderen Ländern im Übrigen ein Vermummungsverbot, das Teilnehmern von Demonstrationen untersagt, ihr Gesicht zu verdecken. Das wäre mithin ein Standpunkt der durch die aktuelle Rechtslage gedeckt ist. Natürlich, nicht dem Wortlaut, aber immerhin dem Zwecke nach.

Warum überhaupt die Verschleierung? Es geht vermutlich darum, die Versuchung einzudämmen. Und zwar Versuchung im Sinne einer Bedrohung für die Gesellschaftsordnung oder/und für den Pfad zu Spiritualität. Ganz konkret: Verschleierung ist ein Versuch, die Hormone in Schach zu halten. Viele Religionen haben auf diesen Urtrieb eine Antwort gesucht. So war das mittelalterliche Europa ein regelrechter Ort der Unzucht, zur damaligen Zeit erscheinen die strengen Regeln der katholischen Kirche mithin als angemessene Reaktion. Was sich mittelalterliche Kleriker damals ausdachten, um die Unzucht einzudämmen, reichte allerdings weit bis in die Neuzeit: Die prüden Vorschriften zu Sexualität für meine Großelterngeneration waren haarsträubend.

Werden solche Regeln nicht ab und zu überprüft? Werfen wir einen Blick auf die Geschichte: Großreiche entstehen und zerfallen, Revolutionen fegen Monarchien und Kaisertümer hinweg. Und mit jeder neuen Ordnung werden alte Regeln ersetzt. So tragisch im Einzelfall diese Zeiten des Umbruchs auch gewesen sein mochten, dieser Prozess hat eine Modernisierung von Regelwerken sichergestellt. Der Blick auf die Geschichte zeigt auch: Die einzigen Institutionen, die stabil geblieben sind: Ja, genau. Die religiösen Institutionen. Das ist bemerkenswert. Natürlich, es gab auch Modernisierungsimpulse für die Kirchen, extern (Reformation) wie intern (Zweites Vatikanisches Konzil). Die Verschleierung im Islam ist für mich aber ein Hinweis darauf, dass die religiöse Lehre hier noch nicht synchron mit der Idee moderner Gesellschaften ist, mit der Selbstverantwortung (=Selbstdisziplin) jedes Einzelnen und mit der Gleichheit von Mann und Frau.

Wo Söhne mit dem Respekt vor Frauen erzogen werden, wo die Gleichheit von Mann und Frau zu den Grundprämissen gehört, dort brauchen wir keine Verschleierung. Es mag sein, dass ein Burkaverbot den unterdrückten Frauen nicht hilft. Ein Burkaverbot ist folglich vielmehr ein Signal an die Männer: Hier gilt die Gleichheit von Mann und Frau. Wir müssen mit dem Burkaverbot nicht den Anspruch haben, eine Reform des Islam einzuleiten. Aber es gilt auch, dass jede Religion eine regionale Ausprägung hat: Die katholische Kirche in Südindien hat ein anderes Gesicht als die katholische Kirche Deutschlands. Wir sollten Impulse setzen, damit der Islam innerhalb unserer Landesgrenzen kompatibel ist mit unseren Grundwerten. Das sind wir allen Frauen in diesem Land schuldig, nicht nur den muslimischen Frauen.