Anno dazumal, noch vor der Währungsreform, hat meine Mutter einmal 20 DM zu viel Wechselgeld zurückbekommen. Aber das war in einer großen Supermarktkette, also reagiert sie mit einem Alt-68er antikapitalistischen Reflex („20 DM? Das merken die Großkonzerne in ihrer Bottom Line sowieso nicht!“): Sie verbucht das Cash als Windfall Profit in ihrer Privatkasse. Zumindest temporär. Denn wenig später malt sie sich aus, welch hässliche Szene sich abends zwischen der Kassiererin und dem Store Manager abspielen würde. Schlecht fürs Karma! Sie bringt die 20 DM schnell zurück, noch am gleichen Tag. So ist das: Auf dem Firmenschild steht der Name eines bösen Großkonzerns, aber am Ende hat man es meist mit Menschen zu tun.

By the way: Aller häuslichen Propaganda zum Trotz wurde ich dann doch Unternehmer. Immerhin, ich betreibe kein Atomkraftwerk oder ein Tierversuchslabor. Sondern ein Softwareunternehmen. Und vor einiger Zeit (nach der Währungsreform!) erhielt ich eine Anfrage von einer gewissen Frau Karges aus einem Unternehmen für Feuerschutzausrüstung. In gewohnter Professionalität haben wir die spezifischen Anforderungen analysiert und eine customized solution ausgearbeitet. Doch dann hörten wir – ja, nichts mehr! Die Dame ging einfach offline. Jeder Follow-Up versickerte regelmäßig in einem „ich prüfe das mit der Geschäftsleitung“. Da wurde ich sauer. Wenn sich Frau Karges eine Fahrplanauskunft am Automaten im Hauptbahnhof Frankfurt zieht, kann sie danach auf Mute gehen – aber nicht mit uns. Vielmehr: nicht mit mir. Ich nehme das persönlich.

Ich habe es mit professioneller Distanz versucht. Ungefähr so: Das ist ein reiner B2B-Prozess, hier spricht die Unternehmensfunktion Procurement mit der Unternehmensfunktion Sales – nicht etwa Frau Karges mit Herrn Zang. Aber diese professionelle Distanz ist eine Mogelpackung. Wer das als Solution sieht, der hat das Issue nicht verstanden. Hier der Fact Pack: Wir leben in einer Marktgesellschaft, wo permanenter Wettbewerb Verlierer schafft. Täglich. Höflichkeit und Respekt sind die ethische Grundlage, die bei Verlierern überhaupt erst die Akzeptanz dafür schafft, dass sie nur den Trostpreis bekommen. Wie soll, zweitens, eine arbeitsteilige Gesellschaft von Spezialisten funktionieren, in der Menschen unterschiedlichen Typs und Temperaments miteinander auskommen müssen – wenn man Höflichkeit als Schmierstoff weglässt?

Und, drittens: Wir verbringen alle viel Lebenszeit beim Arbeiten. Die Arbeitswelt ist ein Lebensraum für Persönlichkeitsentwicklung, vielfältige menschliche Beziehungen, Erfolge, Niederlagen, bereichernd, enttäuschend, inspirierend, fordernd. Das ist nicht einfach eine bittere Pille, um mir meine eigentlichen Wünsche finanzieren zu können (nämlich: Den LED Flachbildschirm und mein Feierabendbierchen). Genau darum erwarte ich von Geschäftspartnern Umfangsformen, die mich in diesem Lebensraum “Arbeitswelt” respektvoll als Menschen wahrnehmen – und nicht etwa als Ticketautomaten. Das ist eigentlich ein No-Brainer, oder?

Liebe Frau Karges, Bottom Line ist: Ihr Verhalten ist No-Go. Bitte sofort ausspeichern. Und eines dürfte Ihnen auch klar sein: Sie sind bei mir jetzt auf der Blacklist. Wir können uns das leisten, die Auftragsbücher sind voll. Und diese Kolumne schicke ich Frau Karges auch, als offenen Protestbrief. So ein Verhalten muss man feedbacken. Ja, liebe LeserInnen, lachen Sie nur. Diese Null-Toleranz-Policy ziehen wir durch. Das ist jetzt strategic. Einer muss ja anfangen, damit gehen wir jetzt in den Lead.