Aprikosenmarmelade oder Verkehrsampeln in Johannesburg: Hieran habe ich meinen Stil als Kolumnist herausgebildet, nun stelle ich mich einem Thema im Champions League Format: Wenn ich mir eine Religion aussuchen dürfte, wie würde ich mich entscheiden? Bevor Sie nun der Weisheit letzter Schluss auf einer DIN A4 Seite erwarten, hier noch ein Hinweis: Weder habe ich Maschinenbau studiert, bevor ich mein erstes Auto gekauft habe, noch habe ich vor dieser Kolumne in Religionswissenschaft promoviert. Aber natürlich habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Vor allem haben mich bei der Recherche die Antworten auf zwei zentrale Lebensfragen interessiert: Auf Ungerechtigkeit und Leid in der Welt und natürlich auf die Sinnfrage. Am spannendsten fand ich die Antworten von Christentum und Buddhismus.

Die Theodizee-Frage im Christentum oder: Wie kann Gott das Leid in unserer Welt zulassen? Diese Frage bereitet Theologen viele schlaflose Nächte – zu Recht. Für die einen (die Hardliner) hat sich das Leiden mit der Sünde ausgebreitet. Andere erklären, Gott habe die Welt zwar erschaffen, nehme aber keinen Einfluss mehr darauf. Kaum einer setzt auf Wunder. Wenig trostspendend, aber intellektuell interessant ist der Verweis darauf, dass die göttliche Ordnung sich menschlicher Vernunft ganz einfach nicht erschließt. Wirklicher Trost lässt sich aber daraus schöpfen, dass Gläubige im Jenseits das Paradies erwartet. Heißt: Die Lösung wird vertagt. Nun, das wäre zu hart geurteilt: Erstens gibt es ein (vernachlässigtes) revolutionäres Element im Christentum, zweitens fängt die Nächstenliebe in der Glaubensgemeinschaft diejenigen auf, die von Leid betroffen sind.

Im Buddhismus dagegen gibt es gar keine Theodizee-Frage. Denn es gibt keinen Gott (sic!). Wohin also mit den ganzen Beschwerdebriefen? Die Antwort auf das Leid kommt ganz und gar wie die sprichwörtliche Out-of-the-Box-Lösung daher: Im Gegensatz zu herkömmlichen Ansätzen (Alkohol, Verdrängung, Trost) setzt der buddhistische Ansatz auf eine Dekonstruktion der Gedanken als eigentliche Ursache für das Leiden. Wie das? Ununterbrochen bewerten wir Situationen (positiv wie negativ), wir formulieren unablässig Erwartungen und Wünsche. Diese Gedanken konstruieren Realität, Gedanken konstruieren Realität, an der wir leiden (ich bin arm, häßlich, blöd, …). Buddhismus setzt nun konsequent darauf, die sprachlich konstruierte Realität zu durchbrechen, und er schult eine Haltung des Akzeptierens von Dingen, die wir nicht beeinflussen können.

Auch bei der Sinnfrage fallen die Antworten der beiden Religionen denkbar unterschiedlich aus. Der Ausgangspunkt ist zunächst der Gleiche: Menschen ringen dem Leben in verschiedener Weise Sinn ab, sie tun Gutes, erwerben Ansehen oder maximieren hedonistische Lebensfreuden. Religion bietet nun die Möglichkeit, sich als sterbliches Individuum in einen größeren Sinnzusammenhang einzuordnen. Kurz: Spiritualität, Transzendenz. Im christlichen Glauben steht Gott im Zentrum einer sinnstiftenden Ordnung. Wer ein gottgefälliges Leben führt, der tritt im Jenseits in ein Paradies ein; aber schon im Diesseits bietet die christliche Ordnung Sinn und Orientierung.

Im Buddhismus, dieser “gottlosen” Religion, kann sich das Individuum ebenfalls transzendieren. Für den Buddhisten ist das “Ich” eine Illusion, und die Überwindung dieser Illusion führt zur direkten (unbeschreiblichen) Erfahrung des All-Einen, einer Verbundenheit aller Wesen. Die buddhistische Alltags-Praxis ist ganz konsequent darauf ausgerichtet, jedes Individuum so nah wie möglich an diese Erfahrung heranzuführen. Die zentrale spirituelle Technik ist die Meditation, die von Kindheit an praktiziert wird. Die Aussicht auf die transzendentale Erfahrung jedes Einzelnen ist ein bemerkenswert demokratisches Element dieser Religion. Wie viele Erleuchtete (=Buddha) es tatsächlich gibt oder gegeben hat, lässt sich natürlich nicht feststellen. In jedem Fall ist es eine Prämisse des Buddhismus, dass jeder zu Buddha werden kann. Sehr optimistisch, finde ich.

Sie werden sich spätestens jetzt fragen, wie man über Religion schreiben kann, als ob man sich das im Supermarktregal genauso aussucht wie Frühstücksmüsli oder Schokolade. Mit einer Stiftung Warentest Ausgabe. Dazu müssen Sie wissen, dass ich einer Generation angehöre, der die überlieferte Religion der Familie bedauerlicherweise fremd geblieben ist: Mir fehlt einerseits die Erfahrung einer bereichernden Glaubensgemeinschaft in meiner Kindheit, andererseits hat die Entmystifizierung der Bibel sowie die kritische Auseinandersetzung mit Kirchenpolitik wenig Raum für das Wagnis des Glaubens gelassen – auch wenn ich immer wieder Anläufe dazu gemacht habe.

Da ich also ohnehin spirituell heimatlos bin, kann ich für einen Neuanfang genauso gut die gesamte Bandbreite spiritueller Traditionen betrachten, ganz im Sinne unserer aufklärerischen Tradition. Mögen die Weltreligionen aus einer gleichen mystischen Erfahrung geboren sein und das Gleiche meinen – die Techniken der Spiritualität, die Haltung gegenüber der Welt und Mitmenschen fallen doch sehr unterschiedlich aus. Man darf also genauer hinsehen.

Wenn man mit 40 Jahren spirituell am Anfang steht, dann ist das eigentlich Mist. Aber eben nicht ganz untypisch für eine Biographie der Moderne. Was ich jetzt schon weiß: Ich bin eine harte Nuss, ein ungläubiger Thomas, ein haarspalterischer Möchtegern-Intellektueller. Spiritualität erwirbt man eben nicht wie ein Frühstücksmüsli, man erarbeitet sie sich. Kürzlich habe ich gelesen: “You should sit for meditation 20 minutes a day, unless you are busy, then you should sit for an hour.” Ich bin dieser one-hour-a -day Typ.