Der nachfolgende Text ist die gekürzte Version des Artikels Generation Manifest: Die Feelgood-Demokraten von Hannes Schrader, ZEIT ONLINE

Bitte alle mal die Hand hoch, die für Frieden sind. Hand oben? Gut. Jetzt: Gerechtigkeit. Immer noch oben? Super. Für Bildung? Toll! Dann jetzt schnell das Manifest der Stunde unterschreiben. Es kommt von der Generationen Stiftung und heißt “Generationen Manifest”. Die will, Achtung, einen “entschlossenen und optimistischen Aufbruch wagen”. Es geht um das Übliche: Die alten Leute schaffen Probleme, die ihre eigenen Kinder und Enkel lösen müssen. Weil das so nicht weitergehen soll, schreibt man ein Manifest ins Internet und sammelt Unterschriften. Wofür?

Na, unter anderem: “Wir fordern: Frieden”, “Bildung” und – ja, da wird sich auch mal aus dem Fenster gelehnt – “Gerechtigkeit”. Gut, drei, vier Sätze hängen immer noch mal dran an den Forderungen, für mehr hat man ja auch keine Zeit online, das muss schnell gehen. Das Manifesteschreiben ist die Lieblingspose der Feelgood-Demokraten. Es ist der textgewordene Blick in die Abendsonne mit winddurchwuscheltem Haar und resolutem Blick nach dem Motto: Es wird schwierig, aber gemeinsam kriegen wir das hin. Das ist Politkitsch.

2013 ging das Manifest das erste Mal online, mehr als 100.000 Menschen haben es unterschrieben. Jetzt wurde es leicht angepasst und wieder zum Abfeiern freigegeben. Und das “Generationen Manifest” ist nicht das einzige Pathosflaggschiff dieses Wahlkampfs, da gibt’s noch “Demokratie in Bewegung” oder “Unsere Zukunft”. Das neue Ding vieler junger politischer Menschen dieses Wahlkampfs ist, sich statt in behäbigen Parteien zu organisieren, lieber eine Facebookseite zu gründen und ein Manifest zu schreiben, dass es so nicht weitergehen kann.

Die Wahl gewinnt derweil die CDU, koaliert mit der SPD, FDP oder den Grünen und Angela Merkel macht vier weitere Jahre, was sie für richtig hält. Die mutigen, querdenkenden Einmischerprojekte stehen dann nur noch im Lebenslauf, wo sie zur Rampe für interessierte Nachfragen irgendwelcher Personalabteilungsmitarbeiter werden. Toll, wie Sie sich da engagiert haben! Toll. Toll. Toll.

Frieden in Syrien? Dafür! Okay, und weiter? Soll Deutschland Bashar al-Assad wegbomben? Oder ist es besser, dass Deutschland die Kurden mit Waffen beliefert? Ach nee, Deutschland soll ja am besten keine Waffen exportieren. Und die Bundeswehr eigentlich komplett abgeschafft werden. Aber was wird dann aus Assad? Hm. Na ja, Hauptsache für Frieden unterschrieben.

Glaubt echt irgendjemand, dass Andrea Nahles “Frieden” ablehnt? Dass Angela Merkel Arbeitslose egal sind? Sind sie natürlich nicht. Ein Großteil der in Deutschland politisch Engagierten sind Demokraten, die sich darüber streiten, wie sie dieses Land besser machen können. Wobei sie für ihre Version davon kämpfen, was besser heißt. Das Ding ist: Sie haben richtig viel Ahnung.

Und wer gegen die Seehofers und Merkels, die Wagenknechts und Nahles’ ankommen will, braucht keine pathostriefenden Manifeste, sondern Plan. Ist es gerecht gegenüber künftigen Generationen, wenn eine Untergrenze für das Rentenniveau gesetzlich festgeschrieben wird, wie die SPD das fordert und behauptet? Ja, bei so Fragen kocht das “Puh, keine Ahnung …” hoch, da wird schon mal gefragt, ob jemand noch ein Bier will.

Wer will, dass sich was ändert, sollte da hingehen, wo er was verändern kann. Wie wär’s denn mal hiermit: Die beiden größten Parteien Deutschlands, SPD und CDU, haben jeweils etwa 430.000 Mitglieder. Es gibt in Deutschland knapp zehn Millionen Wahlberechtigte unter 30. Wenn davon nur jeder Zehnte eintreten würde, wären das eine Million Menschen. Plötzlich wären die Volksparteien die Parteien der Jungen. Viel Spaß beim Regieren, Leute.