Buchtitel à la “Vom Glück des Scheiterns” oder “Die heilende Kraft des Scheiterns” suggerieren, dass eine krachende Niederlage so toll sein kann wie ein Traumurlaub auf den Malediven oder die Ekstase bei einer Tantra-Meditation. Das sollte ich mal lesen. Und die Japaner auch. Denn schon ein Jobverlust gilt auf dieser Insel der Nicht-so-Glücksseligen als Schande, und die ritualistischeSelbsttötung eines Samurai zur Wiederherstellung der Ehre wirkt aus dem alten Japan leider noch bis in die Moderne: In keiner anderen Industrienation bringen sich so viele Menschen um.

Gesellschaften mit solchen Verhaltensmustern können sich Demokratie und Marktwirtschaft auf Dauer eigentlich gar nicht leisten: Denn wenn jedem Kandidaten bei einer Wahlniederlage die soziale Ächtung drohte, dann würden die Kandidatenlisten bald so übersichtlich wie in Nordkorea. Zwar hat das durchaus Vorteile, denn da gibt es nur noch Gewinner – aber eben keine Demokratie mehr. Ganz ähnlich in der Marktwirtschaft: Nur einer von fünf Startups überlebt die ersten 10 Jahre, auf jeden Pionier à la Robert Bosch oder Gottfried Daimler kommen also mindestens vier gescheiterte Unternehmer (und das ist noch optimistisch). Hier ist Scheitern der Normalfall – im Vergleich dazu ist Roulettespiel eine bombensichere Anlage.

Merkel ohne Steinmeier wäre wie Diktatur, Seehofer ohne Ude wäre absolute Monarchie.

Wir leben also in einem polit-ökonomischen System, das ziemlich viele Menschen mit hoher Risiko- und Anstrengungsbereitschaft zu sogenannten Verlierern macht. Und ohne diese Verlierer geht’s nicht. Ein Wahlsieg ohne Gegner in einer Demokratie fühlt sich nicht gut an. Merkel ohne Steinmeier wäre wie Diktatur, Seehofer ohne Ude wäre absolute Monarchie. An diesem Wettbewerbsprinzip sollten wir auch angesichts der Jammerei von Eltern und gescheiterten Unternehmern über Leistungsdruck und brutalem Wettbewerb nichts ändern. Oder können Sie sich vorstellen, dass Sie per Dekret Wartburg oder Lada kaufen müssen statt VW/BMW/Mercedes, nur um die Pleite einer Firma zu vermeiden? Wählen heißt eben Wettbewerb: In der Wahlkabine genauso wie an der Supermarktkasse.

Aber in manchen Lebensbereichen hat Wettbewerb eben nichts zu suchen. Wenn ich mit meiner Frau vereinbare, dass derjenige das Urlaubsziel aussuchen darf, der das meiste Geld nach Hause bringt, dann hilft auch der schönste gemeinsame Urlaub nichts mehr (Es ist aber dann durchaus angemessen, dass derjenige den Scheidungsanwalt bezahlt, der das meiste Geld nach Hause bringt). Oder stellen Sie sich das Wettbewerbsprinzip unter Supermarktkassierern vor: Nur derjenige Kassierer bekommt sein Gehalt, der am Ende des Tages den meisten Umsatz gemacht hat. Da stehen umgehend die Bänder an den Kassen still. Verteilungsregeln nach dem Wettbewerbsprinzip „The winnertakesit all“ machen hier schlicht keinen Sinn.

Vor allem aber gilt: Wir brauchen ja jede Menge (gute) Verlierer! Darum sollten wir sie gut behandeln. Das hängt davon ab, wieviel Scheitern eine Gesellschaft glaubt sich leisten zu können. Die Antwort kann je nach Situation unterschiedlich ausfallen. Nehmen wir den Extremfall Krieg: Da wurde nicht selten die Disziplin der Truppen aufrechterhalten, indem Offiziere diejenigen  Soldaten kurzerhand erschossen, die bei einer Schlacht in Panik den Rückzug antreten wollten. Mehr Nulltoleranz geht nicht. So schlimm steht’s um die Toleranz des Scheiterns in Deutschland natürlich nicht, aber Scheitern wird hier noch immer als extrem negativ stigmatisiert. Das sollte sich ändern. FuckUpNights sind ein guter Anfang. Eine Prise Humor hilft auch. Nur wer im RTL-Talentwettbewerb “DSDS” auftritt, der sollte von Anfang an nicht zu viel Respekt erwarten. Der emeritierte Popstar Dieter Bohlen ist eben nicht als einfühlsamer Psychologe engagiert, sondern als Quotenmacher: „Dein Talent ist Null, und Null ist noch aufgerundet“