„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im Umkreis von 20 Metern? – Ja, ich. Genau!” So erklärte das seinerzeit mein bester Jugendfreund immer mal wieder. Das war immer ein bisschen unhöflich, denn ich hielt mich ja auch in diesem 20m-Radius auf, wenn er sich zum ästhetischen Superlativ ernannte. Aber es verdeutlicht doch eines sehr schön: Je enger der lokale Kontext, desto einfacher die positive Identitätsbestimmung. Oder: Auf seinem eigenen Misthaufen ist der Hahn der Mächtigste. Unternehmen machen das im Übrigen genau so: Sie grenzen ihren Markt so lange ein, bis sie die Nummer 1 sind (“Beliebtestes Elektrofachgeschäft in Hintermwald Ost”).

Gefühlt ist es im Zeitalter der Globalisierung aber zunehmend schwieriger geworden, irgendwo die Nummer 1 zu sein. Wenn man in den Spiegel schaut, ist man noch ein lokaler Guru, aber sobald man ins Internet geht, findet man sich sofort inmitten eines Stimmengewirrs von schier unzähligen Experten, die um Aufmerksamkeit ringen. Plötzlich ist man nur noch einer von Vielen. Natürlich, diese globale Transparenz schafft einen vielfach gesunden Wettbewerb, aber seelisch ist das nicht immer so einfach.

Globale Transparenz heißt natürlich auch: Unsere eigene Sichtbarkeit im Internet ist explodiert. Ein Facebook-Profil erreicht alle Menschen von Japan bis nach Lappland – zumindest theoretisch! Technisch gesehen könnten also alle (!) Internetnutzer weltweit meinen Blog lesen… the sky is the limit! Jaja, das ist nur theoretisch, aber trotzdem hat sich unser Maßstab schon längst verschoben. Barack Obama hat 60 Millionen Follower auf Twitter, immer mal wieder geht ein (Hund-und-Katze-)-Video auf YouTube viral und erreicht Millionen. Facebook-Nutzer haben durchschnittlich 155 Bekannte – aber wer will schon Durchschnitt sein, einige meiner Facebook-Bekannten haben über Tausend Kontakte! Das ist das neue Normal-Null im 21. Jahrhundert.

Mit dem Unterschied zwischen „theoretisch“ und „wahrscheinlich“ nehmen wir es im Übrigen meist nicht so genau. Das ist wie beim Lottospielen: Theoretisch könnte man über Nacht Millionär werden, aber – leider, leider – die Statistik spricht dagegen. Fuck the Statistik!! Das denken immerhin 30 Millionen Deutsche, die Lotto spielen. Und das ist im Internet nicht anders: Denn diese Idee ist schlicht faszinierend, zu einer potentiell unbegrenzten Menge zu sprechen. Was ein Gefühl, wenn ein Facebook-Beitrag 50 Likes bekommen hat, wenn ein Blog zehntausend Mal gelesen wurde! Es gibt eine Magie der großen Zahlen, eine Sehnsucht nach dem globalen Superlativ.

Ich habe nun kürzlich festgestellt, dass ich ernsthafte Schwierigkeiten habe, allein genug Zeit für die zehn wichtigsten Menschen in meinem Leben zu finden, geschweige denn eine globale Fangemeinde aufzubauen. Darum mache ich das jetzt wie Obama und viele andere, nämlich Outsourcing: Ein TrendScout für die angesagtesten Links auf meinem Facebook Profil, ein Content Writer für meine Blogs und ein Kreativer für mehrheitsfähige Videoclips auf YouTube. So habe ich endlich wieder Zeit für meine Freunde.