Ob Aktionstreifen oder Liebesschnulze, seit Ende 2016 wird in indischen Kinos vor jedem Film die Nationalhymne eingespielt. Die Zuschauer müssen aufstehen. Mit oder ohne Popkorn-Tüte. Das erklärte Ziel: Das Gefühl für einen engagierten verfassungsrechtlichen Patriotismus stärken. Das ist in der Tat nicht ganz unwichtig in einem multiethnischen Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, wo sich die Identität des Einzelnen vor allem speist aus der Zugehörigkeit zu seiner Familie, seiner Kaste, Religion und im Zweifel noch seiner Sprache.

Ungeachtet der guten Absichten der Regierung (der man bisweilen eine nationalistische Agenda nachsagt), zog dies natürlicher den Spott einiger Satiriker auf sich, die keine Gelegenheit für eine Punch Line auslassen: Man solle die Nationalhymne bitte auch vor jedem YouTube-Video ausspielen. Wer nicht aufsteht, wird bei YouTube gesperrt. Wenn die Hymne vor einem Pornovideo ausgespielt wird, müsse man voll bekleidet sein. Das müsse natürlich auch bei ausländischen Pornostars gelten. Und so weiter …

Während also in Hunderten von Kinocentern Zehntausende von Indern zu Tränen gerührt ihre Nationalhymne anhören, denke ich wehmütig daran, dass uns in Europa eigentlich auch ein wenig europäischer Patriotismus gut täte. Kürzlich hat der spanische EU-Parlamentarier Esteban González eine vielbeachtete flammende Rede für Europa gehalten („Europa ist nicht einfach ein gemeinsamer Markt. Es ist der Wille, gemeinsam zu leben.“) – dann diagnostiziert er traurig: „Europa ist die beste Lösung. Nur wissen wir nicht, wie wir das den Bürgern erklären sollen.“ Diese Frage hat angesichts des Brexit inzwischen eine gewisse Dringlichkeit.

Wie erreicht man also den europäischen Ottonormalverbraucher: die Krauts, die Froschfresser, Maccaronis, Käsköppe, Panchos? Wie machen das Chipshersteller, Coco Cola, McDonalds, Automobilfirmen und Smartphone-Produzenten? – Antwort: Konsequente Konditionierung. Jeden Tag. Plakate, Ad Banner und – ja genau – Videoclips vor YouTube Videos und Kinowerbung! Mag Indien vor nicht allzu langer Zeit noch ein sozialistisches Bollwerk gewesen sein, sie haben die Regeln der Marktwirtschaft schnell adaptiert: Kinowerbung für die indische Sache. Vor oder nach der Chips-Werbung, ist ja egal. Sogar mit Ritual: Aufstehen. Das haben die Chipshersteller noch nicht geschafft.

Die EU regelt so viel, von den Abgasen bei PKWs bis hin zu Einfuhrzöllen für Flachstahl, da kann man auch noch eine kleine Auflage für Multiplexkinos dazwischen schieben. Eigentlich sollte man immer dann an Europa erinnern, wenn ein EU-Bürger davon profitiert: Beim Kauf eines französischen Schimmelkäse im Supermarkt, bei der Grenzüberfahrt zum Urlaub in die Toskana oder wenn der polnische Fliesenleger kommt. Vielleicht werden auch Europäische Wochen für Restaurantketten wie McDonalds zur Auflage: Eine Woche Italienisch, eine Woche Spanisch, Portugiesisch, und so weiter. Herr González sollte noch eine Rede halten.

Ich gehe in Indien übrigens seit einigen Jahren nicht mehr ins Kino. Mir ist es dort zu kalt. Seit die Klimaanlage in Indien zum Symbol für Wohlstand geworden ist, finden Kinovorstellungen ausschließlich bei arktischen Temperaturen statt, Jacke und Mütze keine Seltenheit. Man fühlt sich also wie in Sibirien oder Finnland, dann kommt plötzlich aus dem Nichts die indische Hymne …