Wenn jemand die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, dann ist die eigentliche Frage doch eher: Hat der nix zu tun? Aber beantworten wir trotzdem kurz die erste Frage: Nein, das Leben macht keinen Sinn, aber wir tun meist lieber so, als ob es einen Sinn hätte. Wohlgemerkt: Die Sinnlosigkeit ist gar nicht so schlimm, denn wir haben aus eben dem Grund auch nichts zu verlieren und dazu eine unermessliche Freiheit, mit unserem Leben zu machen, was wir wollen. Albert Camus sagt das so, und der muss es ja wissen, er hat ja sogar den Nobelpreis (1957) bekommen.

Es ist natürlich einfach, sich trotzend dieser Tragik des Lebens zu stellen, wenn man den Nobelpreis bekommen hat. Der Ottonormalverbraucher tut sich eher schwer mit dieser Freiheit, mit seinem Leben zu machen was er will. Diese Freiheit kommt so verheißungsvoll daher, Selbstverwirklichung und Glückssuche klingt auch toll, Individualität auch, aber im Ergebnis wird das ICH zur Großbaustelle, und zwar eine ewigen, noch schlimmer als die am Flughafen Berlin Brandenburg oder die Elbphilharmonie in Hamburg.

Die Generation meiner Großeltern litt noch unter sozialen Zwängen, zum Beispiel der herrschenden Prüderie (Sex nur in der Ehe, unter der Decke und Licht aus!). Heute dagegen können wir anziehen was wir wollen (gerne auch nichts), machen was wir wollen (gerne auch nichts) und sagen was wir wollen (auch ohne vorher nachzudenken). Mehr Freiheit geht nicht. Mehr Arbeit aber auch nicht: Das fängt bei der Auswahl des Joghurts an (84 Produkte im nächsten REWE-Markt), und hört nicht auf bei der Entwicklung der richtigen persönlichen Haltung zu Marihuana / Globalisierung / Krieg usw.

Selbstverwirklichung ist einfach anstrengend. Das ist ein 24h Job ohne Feierabend. Und mit dem Nichtstun will man einfach nichts mehr zu tun haben.

Selbstverwirklichung ist einfach anstrengend. Das ist ein 24h Job ohne Feierabend. Und mit dem Nichtstun will man einfach nichts mehr zu tun haben. Selbst diejenigen nicht, die hochoffiziell dazu eingeladen werden: Während mein Urgroßvater seine Zeit nach dem Arbeitsleben noch still neben dem Ofen verbrachte, hat die heutige Rentnergeneration den Terminkalender eines Premierministers. Je höher die Erlebnisdichte, desto besser. Es ist das Paradox unserer Zeit: Wir genießen mehr Freiheit (und Freizeit) als jede Generation vor uns, aber in der Atemlosigkeit unserer Glückssuche und Selbstverwirklichung bleibt für das süße Nichtstun keine Zeit.

Wo die Freiheit in Überforderung umschlägt, droht Depression – die neue Volkskrankheit im Zeitalter des Individualismus (vgl. Alain Ehrenberg, „Das erschöpfte Selbst“). Allein in Deutschland erkrankt jeder Fünfte einmal im Leben daran. Die Lösung: Neue Zwänge. Wenn zu viel Freiheit (bzw. das Selbstverwirklichungsdiktat als Kehrseite der Medaille) depressiv macht, dann ist die Einschränkung von Freiheit eine probate Prophylaxe. Wer einen 12-Stunden Arbeitstag hat („Die Firma braucht mich!“), wird selten depressiv. Auch eine hypochondrische Neigung kann man mit ein bisschen Geschick ausbauen (Arztbesuche, Krankheitstagebuch, eigene Recherchen). Im Notfall tut es auch ein Putzzwang. Einen Vorteil hat meine Generation immerhin gegenüber der Generation meines Großvaters: Ich kann mir den Zwang immerhin noch selbst aussuchen. Ich persönlich fand‘ den Schreibzwang am Schönsten …