Über Frankfurt witzeln die Banker aus London gerne, es sei halb so groß wie der Friedhof von Manhatten und doppelt so tot. Seit dem Brexit fällt das Witzeln etwas leiser aus, aber so oder so wird man Frankfurt damit nicht gerecht. Das internationale Ranking zur Lebensqualität in Städten der Unternehmensberatung Mercer sieht Frankfurt sogar auf Platz 7. Warum Frankfurt nur den 7ten Platz geschafft hat, weiß ich aus persönlicher Erfahrung: Ein Junggesellenabschied in der Main-Metropole endete sehr früh an sehr traurigen Orten: Denn nach 1.00 Uhr wurde es in Mainhatten zappenduster. Aber den Frankfurtern kann’s ja egal sein: Wer seinen Junggesellenabschied wirklich (!) ordentlich feiern will, der sollte das ohnehin dort tun, wo man ihn nicht kennt. Auf der Reeperbahn zum Beispiel.

Anscheinend haben ziemlich viele Deutsche den Bericht zur Lebensqualität in Städten gelesen, denn wir erleben gerade eine Völkerwanderung vom Land in die Stadt. Nicht nur bei den Jungen, sondern (und das ist neu) auch bei Familien. In den Städten gibt’s Jobs, Bildung, Schulen, Universitäten, hier gibt’s zahllose Freizeitangebote für Alt und Jung – und zwar in Fußweite oder Reichweite der Öffentlichen Verkehrsmittel. Zwar sind die Mieten deutlich höher, aber das wird in Teilen dadurch kompensiert, dass weniger Wohnraum akzeptiert und das Auto zunehmend obsolet wird: Als Transportmittel, und sogar als Statussymbol. Auf dem Land hingegen ist der Zweitwagen einer Familie fast schon Pflicht. Dazu kommt: Die Städte haben ihr Image als verdreckter, hektischer und lärmender Moloch längst abgelegt, die wenigen Fabrikanlagen sind sauberer und leiser geworden.

Besonders erstaunlich: Edward Glaeser, einer der weltweit bekanntesten Stadtökonomen an der Elite-Uni Harvard, rechnet vor, dass Stadtbewohner etwa 40 Prozent weniger Energie verbrauchen als Landbewohner. 40 Prozent! Und noch eins drauf: Verstädterung führt zu höherer Produktivität, mehr Innovation. Denn Firmen in Städten lernen voneinander, adaptieren erfolgreiche Strategien, der Wissensfluss insgesamt ist intensiver. Und für den Steuerzahler wird’s obendrein günstiger, wenn jeder in der Stadt lebt, denn je dichter besiedelt ein Gebiet, desto günstiger wird die Versorgung mit Infrastruktur wie Straßen, Kanalisation, Telefon, etc. Sind dörfliche Strukturen also die Dinosaurier des 21ten Jahrhunderts, eine Vorstufe in der Evolution, passend zur Agrargesellschaft, jetzt aber überholt?

Wenn jeder in die Stadt zieht, was machen wir dann mit den ländlichen Raumstrukturen? So ein Haus kann man ja nicht einfach mitnehmen. Gut, stimmt nicht ganz, kürzlich wurde tatsächlich ein Haus verschoben, sogar ein sehr großes: 6200 Tonnen. Aber das waren gerade mal 60 Meter, und schon das kostete ca. 12 Mio. Euro! Sehr fragwürdiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Könnte man stattdessen leerstehende Dörfer an die Bundeswehr vermieten, als Trainingsgelände für den Häuserkampf? Oder – wer’s politisch korrekt mag – könnte man Dorfstrukturen als Filmkulisse oder Freiluftmuseum nutzen? Kurzum: Keine einfache Zeit für Bürgermeister im ländlichen Raum.

Meine Jugendheimatstadt Bad Brückenau trifft das leider auch. Da hört für mich natürlich der Spaß auf. Da wollte ich gleich aufs Rathaus und die Verantwortlichen zur Rede stellen, wie denn das Konzept für die Zukunft aussehe, wie sich denn die Stadt zukünftig positionieren wolle im Wettbewerb um die Creative Worker, die Unternehmer undsoweiter. Als ich kampfeslustig aus der Türe gestürmt war, fiel mir ein, dass das ein langer Weg werden würde – ich war ja schon längst aus Brückenau weggezogen! Oje. Nun, aber da ich gerade so energiegeladen bin, hier ein paar Ideen, natürlich ohne Gewähr (schon gar nicht auf political correctness):

Naturfotografie als Leitidee (das geht nämlich in der Stadt nicht), Aufbau eines Webarchivs mit Naturfotografie, kommerzielle Vermarktung der Bilder, Sponsoring durch Zeiss/Canon/Nikon, Kooperation mit dem Bund Naturschutz, Akademiegründung, Führungen, Vorträge, live und online auf YouTube-Kanal, Unterwasserfotografie an der Sinn, Fotografie mit Drohnen, Kooperation mit Segelflugverein, quartalsweise Ausschreibung eines nationalen Fotowettbewerbs, Shuttle Busse zu Plätzen von besonderem Interesse für Fotografen, Ausflüge zum Kreuzberg, Wasserkuppe, Klaushof, Biberburg, die Lokalgruppe FeieraBänd rockt FlowerPower Songs, Aufstellen einer 20 Meter hohen Figur mit Fotoapparat und Hinweis auf das Mekka der Naturfotografie an der A7 – in beide Richtungen natürlich. Amen.