Schauen Sie mal, vielleicht gibt es das Produkt auch schon in ihrem Supermarkt. Goldfarben. GLÜCK steht auf dem Glas. Im Kleingedruckten darunter: „aus Aprikosen“. Sieht aus wie Aprikosenmarmelade, aber der Schein trügt. Nein, hier haben Alchimisten der Nahrungsmittelindustrie functional food auf eine ganz neue Stufe gehoben. Ursprünglich sollte es in Apotheken verkauft werden, aber das Zulassungsverfahren bei der FDA ist noch nicht abgeschlossen. Kaufen Sie also besser einen kleinen Vorrat günstig ein, bevor die Zulassung kommt.

Wir haben uns inzwischen an (aromatisierten) Kräutertee gewöhnt mit Namen wie „Heiße Liebe“, „Energie“ oder „Pure Lust“. Wir sind groß geworden mit Slogans wie „Geiz ist geil“ (Saturn), „Geld macht reich“ (SKL) und „Viva liebt Dich“ (Fernsehsender VIVA). Wir werden täglich mit mehr als 2.500 Werbebotschaften konfrontiert. Da ist die Privatmarmeladerie Göbber einfach nicht mehr durchgedrungen und hat die nächste Eskalationsstufe im Kampf um Aufmerksamkeit eingeläutet. Das Unternehmensleitbild heißt konsequent also nicht mehr „Wir machen hochwertige Marmeladen“, sondern: „Wir machen Menschen glücklich“. Da geht man gleich viel lieber zur Arbeit.

Das neue Marmeladensortiment liefert nicht zuletzt kommunikative Impulse für das Familienfrühstück. So eine Marmelade ist eine Bereicherung in Zeiten des Smartphones, wo sonst jeder in seine digitale Blase abtaucht. „Tobi, gib‘ Deiner Schwester doch mal die Glücks-Marmelade, die sieht so miesepetrig aus.“ Darauf kontert die Schwester, der Tobi solle doch besser mal ganz dick von Erdbeermarmelade KLUGHEIT auftragen, damit er die Mathe-Schulaufgabe nicht verpatze. Jaja, und hier hätte die Schwester gleich mal die Himbeer-Marmelade SCHÖNHEIT … so, jetzt ist aber Schluss! Damit das nicht eskaliert verordnet Vati den Tee HARMONIE. Zwei Tassen für jeden.

Ich mag die Marmelade. Ehrlich. Sie ist mein neuer Favorit in meinem Aprikosenmarmeladensortiment. Ich mag das ironische Augenzwinkern dieser Idee, eine ins Absurde verzerrte Übertreibung allbekannter Werbestrategien. Vielleicht erinnert uns der Verpackungsdesigner auch einfach nur daran, dass das Glück in den kleinen Dingen des Alltags zu finden ist: Einem gemütlichen Frühstück mit einer guten Marmelade (vgl. auch den Blog Über die Lust an der Wiederholung oder: Lob der Aprikosenmarmelade).

Besonders rücksichtsvoll: Aufgrund der Konsistenz der Marmelade kann man diese nicht allzu dick auftragen. Die Überdosierung bis hin zur Extase sollte offenbar vermieden werden, so gibt es praktisch kein Suchtrisiko. Aber das Beste kommt noch zum Schluss, ein Experte der Gourmet-Fachzeitschrift „Essen und Trinken“ erklärt: „Die große Öffnung des Glases ermöglicht kinderleichtes Entnehmen der fruchtigen Aufstriche.“