Kennen Sie den Hypochonder mit Eigentherapiekompetenz? Einfach Symptome bei Google eingeben, Selbstdiagnose, Therapievorschläge gibt’s in der Regel gratis dazu. Warum Profis fragen, wenn selber machen so einfach geht. Sylvester Stallone hat sich in Rambo seine Wunden schließlich auch selber zusammengeflickt.

Ob Vorlesung am MIT, Kochsendung oder Anleitungsvideo für Bombenbauer: Das Internet hat eine Antwort auf alle Fragen, oft idiotensicher in Schritt-für-Schritt-Anleitungen auf YouTube. Aber gleichzeitig erleben wir eine Explosion von Spezialisten-Knowhow in vielen Bereichen des Lebens,  Spezialisten von heute wissen immer mehr von immer weniger. Das verunsichert. Im Zweifel lässt man lieber den Profi ran. Meine Großeltern haben ihr Haus noch selber hochgemauert. Wie viele Leute dagegen kennen Sie heute, die sich nach Feierabend mal eben in das Passivhauskonzept einarbeiten: mit Wärmepumpen, Geothermie, Entfeuchtung und Solarkreislauf? Und der Hypochonder mit Eigentherapiekompetenz ist natürlich Wunschdenken überarbeiteter Ärzte, es gibt ihn nicht.

Der Spezialist ist glücklicherweise meist auch nur ein paar Klicks oder Straßen entfernt. Darum rennen verunsicherte junge Eltern bei jedem Schnupfen des Sprösslings gleich zum Kinderarzt, und statt der Ohrfeige geht’s heute zum Kinderpsychologen. Vorbei auch die Zeiten, als Selbermachen wirtschaftlich immer sinnvoll war: Die Nachkriegsgeneration rettete sich mit einem Nutzgarten über die mageren Jahre, während der Gärtner heute bei 60 Cent für 500g Feldsalat den Spaten ins Korn wirft. Manchmal wollen wir auch einfach, dass es perfekt wird. Um jeden Preis. Zum Beispiel diese Kolumne: Die hat diesmal ein Profi geschrieben (Harald Martenstein, Axel Hacke – drei Mal dürfen Sie raten). Und übrigens: Wenn’s dann mal schief läuft, dann waren die Anderen schuld. Der Kinderpsychologe zum Beispiel. Das ist auch mal schön.

Die gute Nachricht: IKEA, die chinesische Massenproduktion und Kinderpsychologen haben das Selbermachen in Deutschland keineswegs verdrängt. Es hat sich verlagert und verändert. Der Gärtner von heute ist nicht mehr Nebenerwerbslandwirt, sondern sucht einen Ausgleich zur Büroarbeit. Wer heute noch Möbel selber baut, hat einen künstlerischen Anspruch. Gleiches gilt fürs Kochen: Hier wird am Wochenende gezaubert, kaum mehr werktags gearbeitet. Wer seine Wohnung selbst renoviert, sieht sich eher als Innenarchitekt, denn als Sparfuchs. Wer heute selber macht, wird in der Regel selbst zum Spezialisten, hier entsteht eine neue Generation von Do-It-Yourself-Machern.

Glaubt man dem Guru der Postwachstumsökonomie, Nico Paech, dann könnten wir bald eine Renaissance des Selbermachens aus wirtschaftlichen Motiven erleben. Aus seiner Sicht ist die kapitalintensive Massenproduktion kein zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell. Er setzt auf eine Verkürzung der Wege von Produktion zu Nutzer, auf Repair Cafés für eine Verlängerung der wirtschaftlichen Lebenszyklen und auf Subsistenz: Mehr Selbermachen. Das finde ich gut. Meine nächste Kolumne schreibe ich wieder selbst!