Weiß-Blau-Rot. Die Farben der russischen Flagge und auch die wichtigsten Phasen im Urlaub eines Russen auf Goa: Kalkweiß entsteigt er der Chartermaschine am Sehnsuchtsort Wärme (zum Vergleich: Tageswerte in Moskau im Januar -7 Grad, in Yakutsk -35), Blau bzw. sternhagelvoll gibt’s an der Strandbar schon ab 5 Euro, und Rot ist die natürlich Reaktion von Haut auf konstante Sonneneinwirkung am Strand. An dieses Programm hält sich der staatstreue Russe in aller Regel.

An vielen Strändenkann man das beobachten, am Majorda Beach zum Beispiel – eine russische Enklave mit ca. 90% Russen. Meine Frau und ich verbringen hier einige Tage, denn wir sind in der Nähe bei indischen Freunden zu Gast. Da bekommt man eine Menge mit. Zum Beispiel das Kampftraining eines 8-Jährigen durch seinen Vater, der entweder Berufssoldat oder russische Mafia gewesen sein musste. Der Sohn jedenfalls verteilte – unter Anleitung des stolzen Vaters – wie eine aufgezogene Spielfigur unermüdlich Fausthiebe und Tritte in alle Richtungen, ganz zur Belustigung des Bedienpersonals an der Strandbar.

Nichts geht über ein paar einfache Wahrheiten in einer Welt, die sich ständig verändert und komplizierter wird.

Nur die Mutter schaute finster. Sie ahnte schon: Das hochgezüchtete Aggressionspotential des Chackie-Chan-en-miniature dürfte die Erziehung nicht einfacher machen. Sie mag sich gewünscht haben, der Gatte möge einfach einen ruhigen Badeurlaub mit Wodka verbringen, statt den Sohn bei 35 Grad in praller Sonne zum wildgewordenen Hampelmann zu konditionieren. Und tatsächlich: Am nächsten Tag zur Mittagszeit kam Herr Papa sichtlich torkelnd zu seinem Liegeplatz. Um 12.00 Uhr! Nun ist das innige Verhältnis zwischen Russen und Wodka ein so abgenutztes Klischee, aber die Russen nehmen das wirklich ernst! Ich bin ehrlich begeistert: Nichts geht über ein paar einfache Wahrheiten in einer Welt, die sich ständig verändert und komplizierter wird.

Die Mutter sah im Übrigen sehr gut aus. Ich finde, russische Frauen bereichern eindeutig das Strandbild in Goa, in lebhaftem Kontrast zu traditionellen Inderinnen, die den Tag am Strand in Saree verbringen und sogar in ebendieser Bekleidung baden gehen. Die Russin dagegen spielt kokett ihre ganze Weiblichkeit aus – mit knappem Bikini und (nicht selten) einer Pin-Up-Girl Strandfigur (die Scheidungsraten liegen in Russland trotzdem bei 50%). Erstaunlich, dass in einem Land, das ich vor allem mit Pelzmützen assoziiere, das Verhältnis zur Nacktheit so entspannt ist. Das russische Staatsoberhaupt mit freiem Oberkörper beim Angeln, das Bild kennt man. Das kann man sich bei Angela Merkel so nicht vorstellen. Als sie bei der Eröffnung der Osloer Staatsoper 2008 mit tief ausgeschnittenem Abendkleid erschien, las‘ man anderntags Sätze wie „die Weltöffentlichkeit in tiefe Verwirrung gestürzt“ oder „da hat sich jemand einfach um ein paar Zentimeter vertan“.

Ich habe mich sehr wohl gefühlt in Gesellschaft russischer Mittelstandsfamilien beim Strandurlaub. Deren Freude an Wärme und Strand ist ansteckend. Bisweilen muss ich an die sonst so widrigen Lebensbedingungen in Russland denken (ich habe kürzlich den Film „Leviathan“ gesehen); da brauchtman eine ganze Menge Zähigkeit und Genügsamkeit, und offenbar auch ziemlich viel Wodka. Natürlich, Alkohol ist ja keine Lösung. Aber Putin irgendwie auch nicht.