Kürzlich musste ich mich zu Mittag zwischen Rehrücken und Hirschbraten entscheiden. Sehr schwierig. Wir Deutschen machen es uns ja nicht einfach: Ganz typisch diese Wagenrad-großen Teller mit einem halben gegrillten Schwein – die Energieversorgung für eine ganze Alpenüberquerung. Die Franzosen hingegen genießen in einer schier endlosen Speisenfolge von Allem ein bisschen. Diese Überlegungen waren allerdings wenig hilfreich, denn das urige Restaurant lag im tiefsten bayerischen Wald, französisches Gebiet eine Tagesreise entfernt. Ich tippte schließlich auf Hirschbraten, das Ölgemälde eines eindrucksvollen 12-Enter bei idyllischer Morgenröte schien mir verheißungsvoll. Doch dann: Schon nach dem ersten Bissen wusste ich, dass ich den Rehrücken hätte nehmen sollen. Sehr ärgerlich. Zu allem Unglück traf ich eine Woche später auch noch einen Bekannten, der mir vom Rehrücken in dem besagten Restaurant vorschwärmte. Da habe ich mich gleich nochmal geärgert.

Klassisches Dilemma unserer Überflussgesellschaft: Die Qual der Wahl. Ökonomen erklären das mit dem Konzept der Opportunitätskosten und liefern gleich eine ganz einfache Entscheidungsregel mit: Bei zwei Alternativen bewertet man jeweils den Lustgewinn (zum Beispiel von 1 bis 10) und entscheidet sich für die höchstbewertete Alternative. Der Verzicht auf den Lustgewinn aus der NICHT gewählten Alternative sind dann die Opportunitätskosten. In einer idealen Welt ist der Lustgewinn höher als die Opportunitätskosten. Der bayerische Wald scheint aber nicht die ideale Welt zu sein, zumindest nicht für Hirsche. Denn den Braten von einem glücklichen Hirsch habe ich (irregeführt von dem Ölgemälde) auf meiner Lust-Skala auf 8 geschätzt, den Rehbraten auf 7. So glücklich kann der Hirsch im bayerischen Wald aber nicht gewesen sein, denn der Braten lag nur bei 5. Ganz schlecht, denn bei Opportunitätskosten von 7 (für den Verzicht auf den Rehrücken) macht das einen Verlust von 2!

Sieben auf einen Streich gilt vielleicht für das tapfere Schneiderlein, nicht aber für unser geistiges Fassungsvermögen.

Vielleicht sollte man das bei solchen Entscheidungsdilemmata machen wie die Franzosen beim Essen: Minimierung der Opportunitätskosten, indem wir alle Optionen auf einmal wählen. Wir schauen also Bundesliga im Thai-Massage-Stuhl, essen Chips, Sushi, Cocktailkrabben und Tapas, dazu Bier, im Hintergrund unsere Lieblingsmusik. Die Summe der Lustwerte aller Aktivitäten müsste nun eine bombastische Ekstase ergeben – tut es aber komischerweise nicht! Im besten Fall schauen wir konzentriert die Bundesliga und essen unbewusst einen halben Eimer Cocktailkrabben. Im schlimmsten Fall springt unsere Aufmerksamkeit gestresst von einer Option zu anderen, das Ergebnis ein Erschöpfungszustand wie nach einem Halbmarathon. Unser kognitives System scheint eher auf den Mangelzustand ausgelegt, weniger auf Überfluss. Sieben auf einen Streich gilt vielleicht für das tapfere Schneiderlein, nicht aber für unser geistiges Fassungsvermögen. Irgendwie zwar tröstlich, dass die Superreichen dem Ottonormalverbraucher in punkto Genussfähigkeit näher sind als vermutet, aber das löst das Entscheidungsdilemma ja nicht.

Gut, wenn wir denn nur eine Sache richtig genießen können, dann sollten wir das sorgfältig aussuchen. Informationsquellen gibt’s ja genug. Wohin soll’s beispielsweise in den Urlaub gehen: Kroatien, Thailand, Neuseeland, Indien, Vietnam, Brasilien oder eines der anderen 180 Länder? Aus dem Bekanntenkreis gibt’s Empfehlungen für etwa 25 Länder, das grenzt die Auswahl schon mal ein. Vier weitere fallen weg wegen Terrorgefahr. Nach vier Wochenenden Lektüre von Erfahrungsberichten im Internet dämmert uns langsam, wieso meine Eltern seit 20 Jahren immer in die Toskana fahren. Ins gleiche Ferienhaus. Nach weiteren drei Wochenenden im Internet und zwei unschönen Diskussionen mit dem Partner über die Punktvergabe für Thailand und Brasilien buchen wir schließlich das Ferienhaus in der Toskana. Das könnte ja eine Familientradition werden. Das hat diverse Vorteile, zum Beispiel mehr freie Wochenenden. Vielleicht sollte ich auch einführen, dass in unserer Familie immer Rehrücken gegessen wird …