Was hat Sauerkraut mit Sex zu tun? Wüssten Sie’s? Weder Aphrodisiakum oder Potenzmittel; noch sind George Clooney oder Angelina Jolie öffentlich bekennende Fans. Nun, ich weiß es auch nicht, aber für solche kniffligen Fragen gibt es Fachleute. In Werbeagenturen. Die Kreativen. Die finden das heraus oder eher: Die arbeiten das in Werbespots sinnlich heraus. Denn diese Verbindung zwischen Sex und Sauerkraut lässt sich analytisch eigentlich nicht begreifen, also ein Fall für die Kunst – hier: die Werbekunst. In dem Film „39,90“ wird ein solcher Werbesport gedreht: Pornosternchen meets Sauerkraut. Seit ich das gesehen habe, gibt’s bei uns eigentlich nur noch Sauerkraut.

In „39,90“ wird in der Hauptsache ein Werbesport für Joghurt gedreht. Eine sinnliche Inszenierung, ganz ohne Fakten natürlich. Es ist ja eine Binsenweisheit, dass in einer Überflussgesellschaft der Konsum zum Akt der Selbstinszenierung wird. Da sind Fakten in der Werbung überflüssig. Ich kaufe im Übrigen auch meist sinnlich ein: Nämlich die Schokolade, die mir schmeckt, und den Wein mit dem schönsten Etikett. Für Einkaufen mit Stiftung Warentest habe ich weder Zeit noch Geduld. Ohne Zeit Einkaufen zu gehen ist eigentlich schon ein Anachronismus, denn bei Schokotafeln auf 10 Metern und Weinregalen von hier bis zum Horizont ist Shopping eigentlich eine Vollzeitbeschäftigung (darum wurden vor einiger Zeit auch die Ladenöffnungszeiten verlängert). Für Leute wie mich mit wenig Zeit und Lust zum Shopping ist Werbung wirklich eine willkommene Hilfe: Das schafft schnelle Orientierung.

Ich glaube im Übrigen nicht an Werbung. Dass die Wäsche viel, viel weißer wird mit Ariel. Dass sich die ganze Familie in trauter Harmonie um die Toffifee Pralinenpackung vereint. Man muss das nicht glauben. Die Werber glauben es ja auch nicht, hier der Kreative aus „39,90“: „Ich bin der Typ, der Ihnen Scheiße verkauft. Der Sie von Sachen träumen lässt, die Sie nie haben werden. Immerblauer Himmel, nie flaue Frauen, perfektes Glück, Photoshop-retuschiert.“ Werbung funktioniert trotzdem. Die Produkte werden eben aufgeladen mit Bildern, Image, Status. Eigentlich sind Werber keine Materialisten, sondern Idealisten: Sie bereichern Produkte um einen ideellen Wert. Und dafür geben Firmen viel Geld aus: Der zurzeit teuerste Werbespot der Welt kostet 70 Mio. Dollar. Der Spot ist eine Minute lang. Heißt: Eine Minute Werbespot kostet 70 Mio. Dollar. Zum Vergleich: Der teuerste Spielfilm der Welt („Fluch der Karibik 3“, 162 Minuten Filmlänge) kostete 340 Mio. Dollar. Da kostet die Minute gerade mal 2,1 Mio. Dollar.

„39,90“ setzt ein am Morgen nach einer ausgelassenen Cocktail- und Koksparty, wo sich der Protagonist durch das After-Party-Chaos in seinem Yuppie-Appartment zum Badezimmer kämpft und dort versehentlich auf eine Bekannte kotzt, die nackt und zugekokst in seiner Wanne liegt. Sinnliche Bilder eben. Der Film ist die Karikatur einer vergnügungssüchtigen Konsumgesellschaft ohne Verantwortungsbewusstsein, eine völlig durchgeknallte Mischung aus Animationen, kaleidoskopartigen Halluzinationsbildern, Werbefilm, Traumsequenzen und Satire. Der Film beschränkt sich dabei nicht auf die kreative Inszenierung einer allbekannten Kritik der Werbebranche und Konsumgesellschaft, sondern karikiert ebenso naive Forderungen nach back-to-nature als Alternative. Es gibt keine einfache Antwort am Ende, aber der Film liefert das, was der Kult-Kolumnist Harald Martenstein einmal als Kriterium für ein gutes Buch formuliert hat: „Ich schreibe einen Roman, wenn ich eine Frage habe, auf die ich keine Antwort weiß. Deshalb erzähle ich eine Geschichte, um dabei selbst klüger zu werden, um zu suchen und nicht, um anderen etwas beizubringen.“