Die Demokratie lebt. Auch in Bayern. Mitte Juli 2016 erklärte CSU-Chef Horst Seehofer überraschend, dass es einen dritten Nationalpark in Bayern geben werde. Aber – und das ist entscheidend – nicht gegen den Willen der Bevölkerung. Mir san mir – und net die Chinaleut‘, wo bei einem Projekt wie dem Drei-Schluchten-Staudamm per Regierungsdekret über 2 Mio. Menschen umgesiedelt werden (=Gesamtbevölkerung aus Oberpfalz und Oberfranken).

Demokratie ist nicht immer ein Garant für die bestmögliche Entscheidung (vgl. Trump, Brexit), aber gegen den Willen der Bevölkerung geht in Deutschland heute definitiv nichts mehr. Die Zeiten für den Neubau eines Kohlekraftwerkes oder eines Schweinemastbetriebes sind vorbei. Von dieser Veto-Macht sind im gleichen Maße Naturschutz-Projekt betroffen, so wurde beispielsweise der Ausweis eines weiteren Nationalparks im Siebengebirge per Bürgerentscheid abgelehnt. Ja, wir wollen unberührte Natur im Naherholungsgebiet – aber so nah dann auch wieder nicht.

Grundsätzlich ist ein Nationalpark ein Schutzgebiet, das zur Sicherung großflächiger natürlicher und naturnaher Gebiete eingerichtet wird. Und es ist wie mit der Ortsbezeichnung „Bad“ oder „Universitätsstadt“: Man muss sich qualifizieren. Das Positionspapier der Kreisgruppe Bund Naturschutz Bad Kissingen liefert dazu im Gutachtenstil eine solide Begründung: In der Liste der Hotspots der Biodiversität rangiert die Rhön auf Rang 15, die Zwiebelzahnwurz-Waldgersten-Buchenwälder als Besonderheit der Rhön werden in der Publikation „Urwälder in Bayern“ als „einmalig in Bayern“ gelobt. Man kann es aber auch abkürzen: Da es bereits ein Biosphärenreservat gibt, ist die Schutzwürdigkeit eigentlich unstrittig.

Das ist auch nicht der Streitpunkt in der Diskussion um einen Nationalpark Rhön: Waldbesitzer fürchten um ihre Nutzungsrechte, Anwohner schreckt die Aussicht auf mehr (Fremden-)Verkehr, die Brennholzversorgung steht plötzlich in Frage, Bauern fürchten vermehrte Wildschäden. Zu einigen dieser Ängste gibt es bereits Antworten („keine Nutzungseinschränkungen in Privatwäldern außerhalb von Nationalparkflächen“), aber nüchtern betrachtet gibt es keine lupenreine Win-Win-Win-Situation, es gibt keine Veränderung ohne Anpassung. Darum müssen sich verantwortliche Akteure der Öffentlichkeit darauf verpflichten, das Pro und Contra ergebnisoffen zu diskutieren. Wer gleichzeitig keinen Willensbildungsprozess à la Trump oder Brexit will, der muss den Vereinfachern und Populisten in dieser Debatte die rote Karte zeigen.

Auf der Positivseite ist zu vermerken: Ein Nationalpark kann als Identifikationsmerkmal der Region wirken, das Image einer Region und den Bekanntheitsgrad fördern. Unstrittig ist auch der positive Effekt auf den Fremdenverkehr. Hierzu die IHK Niederbayern: „Wer die Entwicklung des Nationalparks Bayerischer Wald von Anfang an unvoreingenommen beobachtet, wird feststellen, dass der Nationalpark in den vergangenen 41 Jahren in erheblichem Umfang nicht nur zur Imageverbesserung und Aufwertung des Bayerischen Waldes insgesamt, sondern zu einer deutlichen wirtschaftlichen Gesamtbelebung, v.a. zu einer Stärkung des Fremdenverkehrs beigetragen hat.“ Kaum überraschend also, dass die Akzeptanzquote für den Nationalpark in der Bevölkerung heute bei 88 Prozent liegt (Altgebiet; 62% im Erweiterungsgebiet). Von solchen Zustimmungsquoten kann selbst die CSU nur träumen!

Wirtschaftlich gesehen sollte man sich über eine Belebung des Fremdenverkehrs hinaus nicht zu viel erwarten: „Dass die Etablierung eines Nationalparks jemals ursächlich zu einer Ansiedlung eines Unternehmens der Umwelt- oder Biotechnologie geführt hat, ist uns nicht bekannt.“ (BIOCOM-Projectmanagement GmbH). Ebenfalls zu berücksichtigen ist, dass bereits das Biosphärenreservat Rhön einen Impuls für den Fremdenverkehr gegeben hat; fraglich ist, welcher zusätzliche Impuls nun aus einem Nationalpark kommen kann. Damit die Debatte nicht zu abstrakt bleibt: Zahlen zum Nationalpark Bayerischer Wald: Von ca. 750.000 Besuchern kommen 27 Mio. Euro in die Region, zusätzlich zu den Fördergeldern des bayerischen Staates in der Größenordnung von 10 Mio. Euro. Das ist nicht wenig, zumal für eine strukturschwache Region im ehemaligen Randzonengebiet.

In Reinald Grebes Song „Urlaub in Deutschland“ heißt es heute: „Urlaub in der Region / Drei Tage Rhön – schön / mit Vollpensiööön“. Vielleicht singt er schon bald: „6 Tage Rhön – schön / mit Vollpensiöööön und staatlicher Subventiöööön“.