Die Fata Morgana im eigenen Wohnzimmer, kennen Sie das? Aus der HIFI-Anlage schwappt beruhigendes Meeresrauschen, Thermostat auf 30 Grad, ein Tequila Sunrise auf dem Couchtisch, Augen zu und schon spürt man den Sand einer Karibikinsel zwischen den nackten Zehen; manch einer träumt sich noch allerlei zusammen, worüber ich als treuer Ehemann gar nicht nachdenken, geschweige denn schreiben darf. Kein Meer oder Kokospalmen weit und breit, aber wenn man das richtig macht, fühlt sich das echt an und man ist nach 20 Minuten erstaunlich erholt. Effektives Träumen könnte man das nennen – oder besser Power Dreaming, wenn man Ambitionen als Autor im Selbsthilfemarkt hat.

Nennen Sie das Träumen oder Selbsttäuschung – egal: Wir verkaufen unseren Sinnen etwas als echt, was nicht echt ist. So funktioniert auch das Kino: Für einen Moment blenden wir bei manchen Dingen einfach aus, dass es irreal ist (bei manchen ist Realitätsverweigerung auch chronisch, aber anderes Thema). Warum? Einfach weil es Spaß macht. Manchmal bescheißen wir uns eben gerne selbst. Das hört ja mit dem Kino nicht auf: Kunstblumen im Wohnzimmer, Perücken, Modeschmuck, Echthaarverlängerung, künstliche Geschmacksstoffe, Brustvergrößerungen … frei nach dem Motto von Pipi Langstrumpf, „Ich mach’ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt“.

Die sinnliche Erlebnisqualität einer idyllischen Meeresbucht in der Mittendrin-statt-nur-dabei 3D Kinowelt steht dem Vor-Ort-Erlebnis auch kaum noch nach – OK, es fehlt der Küstenwind, der sanft über die Haut streicht; dafür sind die Unwägbarkeiten des Wetters eliminiert und man spart sich eine mehrstündige Anreise. Hier geht es eigentlich um die Frage nach Original und Fälschung, und entscheidend ist doch: Wird eine gut gemachte Fälschung dem Kunstliebhaber genauso viel Freude bereiten wie das Original? Ist also der Sinnesreiz identisch bei Original und Fälschung? Einen Schritt weitergedacht: Am Ende zählt der Sinnesreiz, egal wo der herkommt. Vielleicht kann man den auch direkt auslösen, nämlich im Gehirn, wo Reize der Sinnesorgane zu bewusstem Sinneserleben verarbeitet werden.

Genau das ist die Idee, die dem Kult-Film „Matrix“ zugrunde liegt. Der Film setzt damit ein, dass der Computerhacker Neo (Keanu Reeves) aus einer virtuell erzeugten Erlebniswelt (die „Matrix“) befreit wird, in der er und der Großteil der Menschheit leben. Heißt: Bislang wurden in seinem Gehirn künstliche Sinnesreize gesetzt, die eine virtuelle Realität erzeugten. Und zwar die einzige Realität, die Neo bis dahin kannte. Diese virtuelle Welt wird von Maschinen kontrolliert, übrigens eine Welt, die ganz nach dem Vorbild der heutigen westlichen Welt modelliert ist. Nun wird Neo‘s Gehirn von diesen künstlichen Sinnesreizen abgekoppelt und er findet sich in der „echten“ Realität wieder: Eine düstere Welt nach einem Atomkrieg, in Endzeitstimmung, ohne Flora und Fauna. Natürliche Reaktion: Neo kotzt erst einmal.

Ich hätte auch gekotzt: Stellen wir uns so die Freiheit vor? Neo lebte in einer demokratischen Gesellschaft mit allen Freiheiten, die wir kennen, er konnte sich selbstverwirklichen, zukiffen, undsoweiter. Nach der Befreiung: Horror auf einem verwüsteten Planeten. Wer hat schon Bock auf so ein Leben, bei aller Freiheitsliebe? Was bedeutet in dem Kontext eigentlich Freiheit? Der Film wirft diese Fragen natürlich auf (vgl. die Figur „Cypher“), aber in der Inszenierung der Filmhandlung als Endzeitkampf Mensch gegen Maschine bleibt das Leben außerhalb der „Matrix“ die einzige Option.

Der Film endet mit einem Etappensieg im Kampf gegen die Maschinen, und zwar in dem, was ich „Auferstehungsszene“ nenne. Dazu muss man wissen: Wird man in der „Matrix“ erschossen, dann ist das keineswegs virtuell (im Gegensatz zum Autorennen auf dem Computer, wo man so oft gegen die Wand fahren kann wie man will), sondern ist gleichbedeutend mit dem Tod in der Realität. Denn der Körper kann nicht ohne den Geist überleben. Aber Neo überwindet diese Verstrickung seines Ich mit der Welt der Erscheinungen („Matrix“): Der Tod in der Welt der Erscheinungen kann ihm nichts mehr anhaben. Das ist die Schlüsselszene – im Grunde ein buddhistisches Manifest.

Also ein Film voll spiritueller Tiefe. Ganz ohne aufdringlich spirituell zu sein. Mit brillianten Actionszenen. Für mich der beste Film aller Zeiten.