Wenn ich großen Hunger habe, werde ich ein bisschen aggressiv. Meine Frau auch. Das ist dann eine Situation mit sehr viel Potential. Ungefähr so muss man sich auch die Tage vor der Französischen Revolution vorstellen, denn die Pariser Bevölkerung leidete an Hunger: Aber Ludwig XVI hatte in seiner höfischen Überflussgesellschaft offenbar wenig Erfahrung mit hungrigen Frauen. Kurz: Er machte sich keinen Kopf um den Hunger seiner Untertanen – dann war er eben weg. Wie erstaunt wäre wohl Ludwig gewesen, dass heute in Deutschland täglich so viel Brot (vom Vortag) weggeworfen wird, wie man in Paris damals für 12 Tage brauchte! Mit unserem alten Brot heute hätten man zu Ludwig’s Zeiten wohl die Revolution verhindern können. Erstaunlich.

Ludwig wäre ganz grundsätzlich über die heutigen deutschen Zustände erstaunt gewesen. Dazu muss man wissen, dass Frankreichs Könige (auch „Gottkönige“) den Superlativ des Lebensstandards in Europa definierten (daher auch: Leben wie Gott in Frankreich). Für die Unterhaltung Ludwigs sorgte beispielsweise ein Theater oder das Hoforchester. On-Demand Download von Filmen, Musikstreaming, 3D-Kino oder Gaming hätten Ludwig sicherlich auch fasziniert, gab’s aber noch nicht. Biking, Motorflug, Surfen, heute Sushi, morgen Tapas – auch dafür hätte sich Ludwig begeistert. Und im deutschen Gesundheitssystem hätte er selbst als Kassenpatient mit 40 noch seine Zähne gehabt (im 18ten Jahrhundert machten Karies und Parodontose den Zähnen sehr früh den Garaus). Man hat fast ein bisschen Mitleid mit den Mächtigen der Vergangenheit.

Toller Gedanke: Ich lebe besser als Gott in Frankreich. Aber ein Gedanke wie ein Orgasmus: Er kommt, toll, aber ein kurzer Spaß. Also: Eine schöne Pointe für die nächste Cocktailparty, aber meine hohe Erwartung an das Leben bleibt die Gleiche, da werden keine Abstriche gemacht. Umgekehrt funktioniert das komischerweise: Ich hatte ein tolles Steak. – Prima, aber wehe wenn die nächsten Steaks nicht mehr so toll schmecken. Tolles Hotel im Urlaub?-  Drunter geht’s in Zukunft nicht mehr! Dabei könnten wir so einfach glücklich sein, wenn die Erwartung nicht permanent außer Kontrolle geriete, zum Beispiel die Trennlinie zwischen Normal-Null und Luxus.

Meine Großeltern hatten noch eine solche messerscharfe Trennlinie. Beispiel Schokolade: Wenn wir Enkel früher zu Besuch kamen, ging mein Großvater am Ende eines Besuchs feierlich zum abschließbaren Wohnzimmerschrank und holte – ganz wie aus einem Tabernakel – für jeden Enkel eine Tafel Schokolade heraus. Für meine Großeltern blieb Schokolade zeitlebens ein Luxusgut, selbst als das neben Pommes und Hamburger schon längst zum Grundnahrungsmittel für viele Kinder geworden war. Zu Großmutterns Zeiten hat man auch die Fastenzeit noch ernst genommen, da wurde die Normal-Null-Linie immer mal wieder neu geeicht. Dieses Gemeinschaftsritual ist heutzutage allerdings etwas aus der Mode gekommen, da auch die zugehörige Eichbehörde „Kirche“ an Popularität verloren hat (Die Badewanne im Wert von 15.000 Euro für die Bischofsresidenz Limburg machte kürzlich auch den letzten Aposteln klar, dass die Fastenzeit endgültig vorbei ist).

Das Beste was uns also noch passieren kann, ist ein Urlaub am Hindukusch oder andernorts, wo die globale Luxus Supply Chain noch nicht angekommen ist. Ich war zum Jahreswechsel beispielsweise an einem entlegen Ort in Südindien, wo man selbst bei Google mit der Suche nach “italienischer Cappuccino” Null Treffer bekommt. Das war trotzdem ein toller Urlaub. Und der erste Kaffee nach 10 Tagen Abstinenz hat mich derart umgehauen, dass ich die ganze Nacht wach geblieben bin. Da habe ich dann diesen Artikel geschrieben.