„Das ernüchternde Resümee des Sustainable Development Report von 2019 lautet, dass vier Jahre nach der Verabschiedung der Nachhaltigkeitsziele und des Pariser Klimaabkommens kein einziges Land auf dem richtigen Weg ist, alle Ziele zu erreichen.“

Es ist eine ernüchternde Bestandsaufnahme, die der Nachhaltigkeitsexperte Prof. Dr. Christian Berg seiner Leserschaft serviert. Es ist andererseits keine überraschende Nachricht für diejenigen Leser, die mit dem Stand der Entwicklung vertraut sind. Überhaupt finden sich in dem Buch eine Vielzahl von Fakten, die der Community rund um Ökologie und Nachhaltigkeit bekannt sein dürften. Was das Buch aber vor allem auszeichnet und zu einer Pflichtlektüre für eben diese Community macht, ist Folgendes: Der Autor Berg schafft einen übergreifenden Analyse- und Verständnisrahmen für die vielstimmige und multidisziplinäre Diskussion zu Nachhaltigkeit.

Der Autor stellt, erstens, das gegenwärtige globale Wirtschafts- und Gesellschaftssystem als hochkomplexes kybernetisches Modell mit zahlreichen Wechselwirkungen vor, und er beleuchtet die für Nachhaltigkeit zentralen Aspekte: Das umfasst sowohl Aspekte der menschlichen Natur wie kognitive Begrenzungen (lineares Denken) oder Gier, als auch institutionelle Aspekte (der Status Quo der Global Governance) und technische Rahmenbedingungen (Energieerzeugung, Erntefaktor). Hierunter fallen etwa auch Zeitgeist-bedingte Aspekte wie „Konsumismus“. Hierauf verwendet der Autor den Großteil der Aufmerksamkeit (ca. 300 Seiten).

Im nächsten Schritt, zweitens, skizziert der Autor Lösungsansätze zur Überwindung von „Barrieren“ auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft und arbeitet außerdem Handlungsprinzipien heraus. Unter Handlungsprinzipien fallen etwa „Dekarbonisieren“, „Kombination von Effizienz, Suffizienz und Konsistenz“ oder „Genügsamkeit feiern“.

Jede (mir bekannte) Diskussion rund um Nachhaltigkeit lässt sich in diesem Analyse- und Verständnisrahmen verorten, die Zusammenhänge und wechselseitigen Abhängigkeiten werden sichtbar, die vorgeschlagene Strukturierung der vielfältigen Themen/Aspekte gibt jeder Diskussion rund um Nachhaltigkeit einen Rahmen. Die Leserschaft mag mit Inhalten zu „Konsumismus“ oder „Dekarbonisieren“ bereits vertraut sein – der herausragende Mehrwert ist dieser strukturierende Rahmen, aber auch das ein oder andere interessante Detail, das der Autor herausgearbeitet hat.

“Ist Nachhaltigkeit utopisch?“ Von Prof. Dr. Christian Berg, oekom Verlag, Jahr 2020, 400 Seiten

In der Gesamtschau unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems (und der darin befindliche Barrieren, die auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft überwunden werden müssen) wird auch deutlich, wie gewaltig die Herausforderung tatsächlich ist, vor der wir stehen. Es sind grundlegende strukturelle Veränderungen in einer Vielzahl von Bereichen erforderlich: Energieerzeugung, Transport, Landwirtschaft, Ernährung und Viele mehr. „Ganz analog beschreibt auch eine Gruppe niederländischer Forscher um John Grin langfristige Übergänge in eine nachhaltigere Gesellschaft (Zeitraum 40 bis 50 Jahre). Solche Übergänge seien von ko-evolutiven Prozessen abhängig, die multiple Veränderungen in sozio-technischen Systemen mit sich brächten und durch Prozesse multipler Akteure, den Interaktionen zwischen sozialen Gruppen, wissenschaftlichen Communities, Politik-Gestaltern, sozialen Bewegungen und Interessengruppen bestimmt seien.“ (S. 34)

Der Autor unterstreicht hierbei auch an vielen Stellen, was es bedeutet, ein komplexes System zu verändern – und dass eine „einfache“ Steuerung hier schlicht nicht möglich ist. Komplexe Systeme nämlich sind dadurch gekennzeichnet, “dass sie aus Komponenten bestehen, die miteinander interagieren, Rückkopplungen und nichtlineares, unvorhersehbares Verhalten aufweisen.“ (…) Wie der Komplexitätsforscher Stuart Kauffman durch numerische Simulationen gezeigt hat, weisen bereits ganz simple mathematische, sogenannte Boole’sche Netzwerke – das sind Netzwerke, in denen die Knoten nur in zwei möglichen Zuständen und die Verbindungen nur als UND oder ODER möglich sind – bereits ab einer sehr überschaubaren Verbindungszahl von vier bis fünf Knoten chaotisches Verhalten auf. Wenn also in einem solchen Netzwerk jeder Knoten mit 5 anderen verbunden ist, gibt es nur noch chaotisches Verhalten – Vorhersagen sind nicht mehr möglich. Nun ist aber die Verbindungszahl von 5 pro Knoten nicht sonderlich viel.“ (S. 74)

Ein sehr intelligentes Buch. Ein Must-Read.

Zum Weiterlesen:

Nachfolgend ein Stichwortverzeichnis, damit Sie sich einen Vorstellung von dem übergreifenden Themenspektrum machen können (in alphabetischer Sortierung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Ambitionslücke, Allmendeproblematik, Armut, Artenvielfalt, Artensterben, Beharrungskräfte, Beschleunigung, Brundtland-Definition (von Nachhaltigkeit), Dekarbonisieren, Effizienzdenken, Energiepflanzen, Erneuerbare Energien, Erntefaktor (in der Energiewirtschaft), Fundamentalismus, Gier, Global Goverance, Ignoranz, Keeling-Kurve (Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre), Kipppunkte, Komplexe Systeme, Konsumismus, Korruption, Kreislaufwirtschaft, Kybernetik, Lobbyismus, Machtungleichheiten, Marktversagen, Multilateralismus, Öffentliche Güter, Öko-Effizienz, Naturverbundenheit, Nudging, Pariser Klimaabkommen, Pigou-Steuer, Planetare Grenzen (Ökologie), Populismus, Radioaktivität, Rebound-Effekt, Renaturierung, Resilienz, SDG (Sustainable Development Goals), Silodenken, Sinnkrise, Suffizienz, Technologiefolgenabschätzung, Trittbrettfahrer, Umwelterziehung, Ungleichheiten, Utopie, Vegetarismus, Vermüllung, Verursacherprinzip, Vorsorgeprinzip