Wie schaut ihr 100-Tage-Programm aus, wenn Sie die Möglichkeiten hätten, Einfluss zu nehmen auf die Agenda von Politik und Wirtschaft? Welche Projekte würden Sie vorantreiben, um Deutschland (oder auch: Europa) für das Digitale Zeitalter besser aufzustellen? Hier sind meine Ideen bzw. zentralen politischen Forderungen.

Erstens, Start eines Zukunftsfonds der BRD von 100 Milliarden Euro für Investitionen in neue Tech Unternehmen am Standort Deutschland (ggf. auch in Europa). Norwegen hat einen Staatsfonds in einer Größenordnung von 1 Billion Euro, wenn auch hier nicht primär die Investition in Unternehmen/Unternehmensgründungen im eigenen Land im Fokus steht. Frankreich hat erst jüngst einen Fonds namens „Lac 1“ (Lac lässt sich übersetzen mit „See“). Deutschland tritt nun mit der „Agentur für Sprunginnovation (SprinD)“ (Sitz: Leipzig, Geschäftsführer Rafael Laguna) an, diese sieht Investitionen in einer Größenordnung pro Jahr von bis zu 1 Mrd. Euro vor. Reicht das nicht?

Nein. Zum einen befinden wir uns gegenwärtig in Zeiten eines massiven Strukturwandels, der in besonderem Maße Chancen für neue Geschäftsmodelle bietet und in dem die Grundlage für die Unternehmenslandschaft der nächsten Jahrzehnte gelegt wird (vgl. etwa die Gründergeneration nach dem zweiten Weltkrieg: Rossmann, Würth, Aldi, etc.). Technologiefelder: Künstliche Intelligenz, Wasserstofftechnologie, Cloud-Technologie, Erneuerbare Energien, Clean Tech, Datenökonomie, etcetera.

Zum anderen kann Deutschland gegenwärtig und auf absehbare Zeit zu sehr geringen Kosten neues Kapital aufnehmen. Erzielt der Investitionsfonds einen auch nur geringen Return-on-Invest, dann entstehen für den Steuerzahler keine Kosten; im besten Fall profitiert der Bundesbürger in zweifacher Hinsicht: Der Staatsfonds erzielt nach Kapitalkosten (relevante) Überschüsse, und es entstehen neue (hochqualifizierte) Arbeitsplätze. Der Norwegische Staatsfonds erzielt etwa eine Rendite (IRR = Internal Rate of Return) von ca. 9% jährlich; der (zugegebenermaßen sehr erfolgreiche) Wagniskapitalgeber Earlybird erzielt nach Angaben des Co-Gründers Hendrik Brandis gar 50% IRR.

Fraglich ist, ob es einen solchen Kapitalbedarf überhaupt gibt? Es kursieren etwa Zahlen, dass die deutsche StartUp-Szene um die 500 bis 600 Millionen pro Jahr absorbieren könnte. – Es muss allerdings hinterfragt werden, ob das so zutreffend ist. Nach Zählung des Bundesverband Deutsche Startups e.V. gibt es etwa 8 000 bis 9 000 StartUps in Deutschland, basierend auf Kernkriterien wie technologische Innovation, maximales Alter von 5 Jahren und Skalierungsfähigkeit des Geschäftsmodells. Nur mal als Bierdeckelrechnung: 600 Mio. pro Jahr für 9 000 StartUps, das hieße ca. 67 TEUR pro StartUp pro Jahr. Diese Zahl scheint mir klar zu niedrig gegriffen. Meines Wissens nach liegt etwa das Investitionskapital für die 8 größten StartUps bei ca. 8 Milliarden; man braucht sich auch nur eine beliebige Meldung aus der StartUp-Szene anzuschauen, etwa jene von Juli 2019: „Start-ups sammeln 2,8 Milliarden im ersten Halbjahr ein“ – dies betraf die Finanzierung von gerade einmal 332 StartUps.

Abschließend zu diesem Punkt: Der Co-Gründer von Earlybird, Hendrik Brandis, fordert gar einen deutschen Zukunftsfonds in Höhe von 1 Billion Euro – also in gleicher Größenordnung wie der Zukunftsfonds des Landes Norwegens. Er hält dies für eine angemessene Antwort auf den tatsächlich existierenden Kapitalbedarf beziehungsweise – anders formuliert – auf die Finanzierungslücke, mit denen europäische StartUps zu kämpfen haben.

Zweitens, Deutschland muss die Bildungsinvestitionen deutlich erhöhen, die Blockaden aus der föderalen Struktur in der Bildungspolitik lösen. Der Begriff der „Wissensökonomie“ ist nicht neu, in Sonntagsreden taucht dieser Begriff immer wieder auf. Und dennoch: Mangel an Erzieher/Innen, Lehrer/Innen, verfallende Schulgebäude, Ausstattungsmangel an Schulen, Mittelmaß beim PISA-Test, fehlende Chancengleichheit. Es stimmt nachdenklich, dass der Anteil an Privatschulen stark zunimmt, die Anzahl an Privatschulen ist zwischen 1992 und 2017 um etwa 80 Prozent gestiegen – der Anteil der Schüler auf Privatschulen ebenfalls, nämlich zwischen 1994 und 2019 von 4,8 Prozent auf über 9 Prozent.

Ein internationaler Vergleich der Bildungsausgaben ist (geht man nach den Auswertungen der Fachpresse) nicht ganz trivial, zumal unterschiedlich zwischen den Bundesländern und je nach Schulform. Insgesamt ergibt sich jedoch ein Bild, wonach Deutschland ebenfalls nur im Mittelfeld liegt, so investiert etwa Norwegen 6,4 Prozent des BIP in Grund- und Hochschulen, Deutschland dagegen nur 4,2 Prozent – um nur einmal eine Zahl zu nennen.

Drittens, damit Tech Ventures und StartUps in Europa zu Global Playern skalieren können, brauchen wir einen Integrationsschub für den Europäischen Binnenmarkt, nicht zuletzt für die Datenökonomie der Zukunft. Wer den Entwicklungspfad vielversprechender StartUps aus Deutschland verfolgt, der stellt fest, dass das Wachstum an den nationalen Grenzen häufig ausgebremst wird aufgrund heterogener Regulierungen; das erschwert die internationale Skalierung zu Global Playern ganz erheblich (wie AirBnB, Amazon, etc.) und führt nicht selten zu einer Verlagerung von Unternehmensaktivitäten etwa in die USA. Kurz: Die Herausbildung von European Champions in einem regulatorisch zersplitterten Europa ist schwierig; es kommen wettbewerbsrechtliche Regularien hinzu, die sich eher am nationalen Markt als relevanten Markt orientieren, nicht am Europäischen Markt.

Viertens, nicht erst seit Greta ist klar, dass wir schon längst die Ressourcen überstrapazieren und nun insbesondere einen Klimawandel eingeleitet haben, der mit jeder weiteren Erwärmung das Leben von Menschen erschwert, wenn nicht gar gefährdet. Die Antwort hierauf muss die Einführung eines globalen Emissionshandels sein, der den Ausstoß von CO2 zunächst limitiert und dann massiv zurückführt. Das erfordert einen politischen Kraftakt, der weit mehr Anstrengungen erfordert, als die vorgenannten drei Agenda-Punkte. Aber dieser Schritt ist – um auf eine vielgebrauchte Formulierung zurückzugreifen – alternativlos.

Es ist nach heutigem Diskussionsstand nicht zu erwarten, dass Digitalisierung das Klimaproblem automatisch lösen wird; tatsächlich sind die Effekte von Digitalisierung auf das Klima so vielfältig und in ihrer Größenordnung so wenig vorhersagbar, dass eine klare Aussage nicht möglich ist, ob Digitalisierung das Problem des Klimawandels verschärft oder entschärft. Mit dieser Frage beschäftigen sich auch folgende Artikel: Das Buch „Erde 5.0“: Chancen und Grenzen digitaler Technologie im Kampf gegen den Klimawandel sowie Digitalisierung: Chance oder Risiko für die Grüne Wirtschaft?.