Karl May schrieb über Amerika, war nie dort. Politiker reden über Dinge, haben eigentlich keine Ahnung. Menschen geben Geld aus, das sie nicht haben – Guter Anfang, oder? Ok, jetzt geht’s los.

Die Geschichte der Zivilisation ist auch eine Geschichte erzeugter Realitäten, als künstlerische Reflexion der Wirklichkeit oder auch als Gestaltung künstlicher Realitätsräume: Malerei, Romane, Photographie, Filmkunst – auch Zirkus und Zoo sind in ihrer Weise künstliche Realitäten. Mit unserer Gabe der Vorstellungskraft können wir bisweilen auch mit wenigen Sinnesreizen in einer künstlerisch geschaffenen Realität aufgehen: Wir versinken in Büchern, tauchen ab in Computerspielen. Je besser ein Spielfilm, desto weniger nehmen wir wahr, dass wir noch auf dem Fernsehsessel sitzen.

Ein solches Erlebnis hatte ich vor wenigen Tagen, es war wie der Schritt durch ein Sternentor in eine andere Galaxie. Auf einem Stand der Sustainable Development Kampagne der United Nations auf dem Tag der offenen Tür im Kanzleramt setzte mir sehr nettes Personal eine Virtual Reality Brille auf, dann war ich weg. Plötzlich in Jordanien, inmitten des Alltags im Flüchtlingscamp Sidra, umringt von über 100.000 syrischen Flüchtlingen. Es war eine Aufzeichnung mit 360-Grad-Kamera. Ich saß auf einem Drehstuhl und konnte mich in alle Richtungen drehen, nach oben, nach unten, als ob ich vor Ort gewesen wäre. Es war wie Matrix. Eine Offenbarung.

Das ist die Zukunft des Reisens. Das muss sie sein. Sie wollen New York sehen? Den Taj Mahal, Angkor Wat? Es dauert nicht mehr lange, dann werden wir eine neue Art von Reisebüro haben, da steigen Sie in High-Tech VR Equipment und verbringen zwei Stunden auf der Großen Mauer in China oder in den Pyramiden. Sie erkunden vielleicht sogar das Weiße Haus oder Fort Knox, was Sie nicht mal erleben können, wenn Sie hinfahren und anklopfen. Es gibt ja heute schon die Möglichkeit, das Deutsche Museum virtuell zu besuchen. Definitiv sehenswert, aber von dem beschriebenen VR Erlebnis noch Lichtjahre entfernt: Googlen Sie mal auf ihrem Smartphone nach „Deutsches Museum virtuell“, dann können Sie – ganz ähnlich wie bei Google Street – im digitalen Museum umherwandern und sich Ausstellungsstücke angucken.

Diese Technologie könnte einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Rechnung geht ganz einfach. Sie fliegen beispielsweise nach Tokyo, hin und zurück, macht 6,9 Tonnen CO2. Für die Begrenzung der Erderwärmung auf das 2-Grad-Ziel dürfen Sie 2 Tonnen pro Jahr (sic!) verbrauchen. Insgesamt! Shoppen in Madrid: 1 Tonne. Shoppen in Paris: immerhin noch 0,4 Tonnen. Der Deutsche verbraucht heute etwa 11,5 Tonnen im Jahr. Wenn irgendjemand die Klimaziele ernst nimmt, dann wird man sich ernsthaft mit dem Flugverkehr beschäftigen müssen. Hier gibt’s Prognosen zur Verdopplung der Flugzeugflotte bis 2035, das sieht nicht gut aus für das Klima.

Mit Virtual Reality erschließt sich nun eine klimafreundliche Art der Fernreisen. Ohne Jetlag. Ohne An- und Abreisezeiten von 24 Stunden und mehr. Ohne Warteschlagen und Öffnungszeiten. Es ist Zeit, die Subventionierung des Flugverkehrs zu beenden und Steuer auf Flugbenzin zu erheben. Wer dann immer noch zum Sexurlaub nach Thailand fliegen will, der muss dann halt mehr bezahlen.

Ich habe natürlich leicht reden, ich bin Reisemuffel. Wahrscheinlich bin ich der einzige Student aus Passau, der es in vier Jahren nie bis nach Wien geschafft hat. Ich lese lieber, Bücher über fremde Länder haben mich immer mehr gereizt als Gebäude anschauen. Nun wollte es die Ironie des Schicksals, dass ich eine Deutsch-Inderin geheiratet habe. Da beginnt jede Familienfeier mit einer Flugreise, einige Jahre habe ich außerdem bereits in Indien gelebt. Meine CO2-Bilanz ist tiefrot. Ich sollte das also eigentlich nicht veröffentlichen. Eigentlich. Aber die NSA weiß es sowieso schon.