Null Prozent Scheidungsquote. Erfüllte Partnerschaften. Nur die Wirtschaft mault, weil verheiratete Angestellte wieder rechtzeitig das Büro verlassen. Zuhause warten: Gleicher Humor des Partners, geteilte Vorlieben für Literatur und Filme, die richtige Dosis an Familiensinn usw – Volltreffer bei allen paarpsychologischen Matching Points. Denn bald wird es möglich sein, die eigene digitale Historie von den verschiedenen Plattformen herunterzuladen und einer Matching-Agentur zu übergeben: Facebook Likes, Suchanfragen, Buchbestellungen bei Amazon, Karriereverlauf auf XING, besuchte Webseiten, Downloadhistorie von Filmen, GPS-Bewegungsprofil und mehr.

Natürlich, unsere besten Freunde kennen uns in- und auswendig, noch besser als Facebook und Amazon zusammen. Aber: Unsere besten Freunde haben keinen Zugriff auf eine Datenbank mit Millionen von Singles und deren Persönlichkeitsprofile. Zwar sind heutige Algorithmen noch nicht ausgereift, Terabytes unstrukturierter Daten wie eingangs beschrieben auszuwerten, aber dies ist nur eine Frage der Zeit. Die Empfehlungen solcher Algorithmen basieren dann auf digitalen Spuren, die näher an der Wahrheit sind als die werbenden Angaben eines typischen Parship-Profils. Die Datenbasis ist zudem um ein Vielfaches breiter – weit mehr als Lieblingsfarbe, eine Liste von Hobbies und der Lieblingsfilm.

Heute lassen wir uns bereits von Google eine Fahrtroute empfehlen, Autos bremsen autonom, parken ohne unser Zutun ein, vereinzelt überwachen APPs unseren Gesundheitszustand. – Aber wollen wir uns wirklich bei Gefühlsdingen auf Technologie verlassen? – Der Erfolg von Singlebörsen oder Tinder lässt daran keinen Zweifel, all unseren romantischen Vorstellungen zum Trotz. Aber droht uns damit nicht der technologische Determinismus einer optimierungssüchtigen Gesellschaft, zudem die Abhängigkeit von Matching-Algorithmen gewinnorientierter Unternehmen? Fakt ist: Wenn die Partnersuche auf diesem Weg überlegen ist, wird sie sich wohl durchsetzen. Fakt ist ebenfalls: Heute leben wir im Determinismus der Lebensumstände, wo Arbeitsumfeld und Bekanntenkreis die Partnerwahl bestimmen bzw. begrenzen. Die technische Option kann also als willkommene Erweiterung der Optionen gesehen werden, eine „Erweiterung von Welt“ (wie der Soziologie Professor Dr. Rosa sagen würde).

Die eigentlich kritische Frage in diesem Szenario ist vielmehr: Wollen wir unsere digitale Biographie mit all unseren intimen Geheimnissen einem Dritten anvertrauen? Wie lässt sich das Risiko von Missbrauch oder das Risiko von Leakage begrenzen? Schwer zu sagen. Es ist zu erwarten, dass der Prozess graduell verläuft. Eines Tages wird der Nutzer gefragt, ob der Matching-Algorithmus die ohnehin öffentliche Facebook-Historie berücksichtigen soll („Das verbessert ihre Chancen …“). Dann setzt man irgendwo ein Häkchen. – Was ist schon dabei, werden sich viele denken. Die Kaufhistorie bei Amazon? – Ja, warum nicht. Unser Account bei Netflix, unser Berufsprofil bei XING? – Ok. Kann ja nix passieren. Im Zeitalter des Internet sind Nutzer bekanntermaßen bemerkenswert sorglos, wenn es um die Preisgabe privater Daten geht (in der Regel im Austausch gegen kostenfreie Services). In dem Bestseller „The New Digital Era“ prognostiziert das Autorenteam das Verschwinden der Privatsphäre. Ein bisschen weniger Naivität beim Umgang mit den neuen Medien täte hier gut.

Wir sollten aber offen bleiben für Vorschläge intelligenter Algorithmen. Hier darf man Technologiemuffel durchaus auch mal auf die Realität der traditionell-analogen Partnersuche verweisen: Ehen halten in Deutschland gerade mal 15 Jahre. Jüngeren Partnern fehlt vielfach die Menschenkenntnis. Und Sie kennen sicherlich auch Entscheidungsmuster à la Romeo-und-Julia-Romantik („Die Schwiegereltern mögen mich nicht, jetzt erst recht!“), Hormon-gesteuerte Entscheidungen („Diese Frau ist so schön!“) oder akute Fälle von Torschlusspanik („Besser den als alleine bleiben“). Ich kann mir andererseits nicht vorstellen, dass mal jemand sagt: „Ich mag sie zwar nicht, aber wir haben eine Matching-Quote von 98%, das probieren wir mal.“ Am Ende entscheidet immer das Herz.