Nehmen wir mal an, einer meiner Facebook Kommentare geht viral. Eine Million Likes. Natürliche Reaktion: Screenshot, goldener Rahmen, dann wird das an die Wand genagelt. Zum Beispiel im Schlafzimmer über dem Bett – als Aphrodisiakum. Vielleicht mache ich mir auch einen Ansteckbutton „1 Mio LIKES“, nach dem Vorbild des tapferen Schneiderleins. Gut, das kommt erst später. Als Allererstes heißt es natürlich, diesen sehr flüchtigen Bekanntheitsgrad auf Facebook zu nutzen für was Sinnvolles: Ein Spendenkonto für ein Hilfsprojekt in Indien angeben. Oder endlich mal öffentlichkeitswirksam meinen TOP 3 Arschlöchern die Meinung sagen. Da fällt mir noch ein, rein rechnerisch, wenn jeder Fan meines Kommentars nur einen einzigen (!) Euro auf mein Konto …

Eine Million Likes. Das ist eine Menge an Aufmerksamkeit, Zustimmung, Anerkennung. Ein Rausch von Glückshormonen. Mein Großvater hat sich seinerzeit noch um einen vernünftigen Leumund in seinem Dorf bemüht. Das Dorf meiner Generation ist eben größer, ein globales Dorf. Da muss man auch global denken. Natürlich, von den eine Million FB-Fans würde ich etwa 999.900 gar nicht kennen. Die mich ja auch nicht. Im Ergebnis also eine ziemlich unpersönliche Anerkennung, die mir da den Glücksrausch verschafft. Ganz wie wenn ich als Schriftsteller eine Million Bücher in Peru verkaufe. Da kenne ich auch niemanden. Aber es fühlt sich trotzdem toll an.

Eine Million Likes. Kann auch wertlos sein, wenn man die Aufmerksamkeit von nur einer bestimmten Person will und ausgerechnet die nicht bekommt. Wie ein Musiker, dem ein Millionenpublikum zujubelt und ausgerechnet die Angebetete ist nicht dabei. Bittere Ironie des Lebens. Aber in solchen Fällen funktioniert Aufmerksamkeit in gewisser Weise wie Geld: Es lässt sich eintauschen. Viele Freunde, das ist wie ein Aphrodisiakum (dabei ist es ganz egal ob die Freunde aus Peru oder Lappland kommen). Also: Tausche 1 Million Likes gegen ein Date. Darum also der Ansteckbutton „1 Mio. LIKES“.

Eine Million Likes. Nach einem echten Scheißtag kann das wohltuender Balsam für die Seele sein. Zum Beispiel, wenn der Chef nach 150% eigenem Commitment wieder mal null Danke und nix Anerkennung für Dich übrig hat (ok, ich bin mein eigener Chef, aber ich bin wirklich auch nicht einfach). Natürlich, es macht mich manchmal stutzig, welche FB-Beiträge die meisten Likes bekommen: „Mein Hund und ich auf der Harley“ (+Photo), „Der Witz des Tages“ oder Hund-und-Katze-Video-Links. Wenn die Likes zum echten Ego-Booster werden sollen, dann müsste man eigentlich intellektuell mehr leisten als das. Eigentlich. Aber nach einem richtigen Scheißtag ist Dir das eigentlich auch egal, woher die 1 Million Likes kommen. Ganz ehrlich. Wenn mir jemand eine Million Euro auf den Tisch legt, würde ich auch nicht lange fragen, wo das Geld herkommt. Es sei denn, der großzügige Schenker meinte, ich müsste das Geld erstmal 10 Jahr im Garten vergraben …