Im 17. Jahrhundert war die Idee weitverbreitet, dies sei die beste aller Welten. Kein Geringerer als Gotthold Ephraim Lessing leitete stringent ab, dass Gott als vollkommenes Wesen nur die beste unter allen möglichen Welten hervorbringen konnte. Nun fehlt uns die Zeit- und Raum-übergreifende Perspektive von Gott, um das final beurteilen zu können. Aber gemessen an rein menschlichen Maßstäben gibt es – nennen wir es einmal – Optimierungspotential. Den Grad an Verzweiflung über den Zustand der Welt kann dabei im Übrigen jeder selbst bestimmen: Von unbekümmert bis hochgradig depressiv sind alle Abstufungen denkbar, je nach Informationsdosis, Empathiebereitschaft und Verantwortungsgefühl. Wegschauen ist dabei eine Kunst. Klingt einfach – ist es aber nicht. Und wir Deutschen sind darin gar nicht so gut. Da können wir noch viel lernen, von den Indern zum Beispiel.

Erste Lektion: Nur Übung macht den Meister. Nun gilt, dass in Deutschland Arm und Reich ordentlich voneinander getrennt sind. Der Vorstandschef wohnt im Vorstandsviertel, die Mittelklasse im Viertel für die Mittelklasse. Das ist in Indien anders: Das 27-stöckige, teuerste Einfamilienhaus der Welt des Milliardärs Mukesh Ambani liegt nur einen Steinwurf entfernt von einem der großen Slums in Mumbai. Aber Herr Ambani kann das ausblenden. Denn Inder wachsen typischerweise auf in einem Umfeld geprägt von Lärm, eingeschränkter Privatsphäre und Sichtbarkeit von Armut – da wird die Fähigkeit zum Ausblenden überlebenswichtig. Der Deutsche dagegen musste das nie lernen: Bei Lärm macht er das Fenster zu (gibt’s in Indien nicht immer), bei Überdruss an Armut schaltet er den Fernseher aus (gibt’s in Indien überall live). In Indien wird der Informationsfluss im Kopf reguliert, ganz ohne Fernbedienung. Müssen wir noch lernen.

Nur weil wir dank globaler Berichterstattung bei jedem Armutsopfer von Aserbaidschan bis Zimbabwe ins Wohnzimmer (oder unter die Zeltplane) schauen können, hat sich doch unsere Empathiefähigkeit nicht gleichermaßen globalisiert.

Jetzt stellen Sie sich außerdem vor, es gäbe Leben auf dem Mars. Eines Tages ist dort Flutkatastrophe, 50.000 Marsbewohner über Nacht obdachlos. Der Tagesschau-Sprecher ganz bedrückt. Und am nächsten Tag steht jemand mit der Spendenbüchse vor Ihrer Haustür. Raschel-Raschel. Ach ja, die armen Marsbewohner, wie sahen die nochmal aus? Grün, gelb, blau? Essen die nicht sogar (Mars)Katzen? Kurz: Da fließt die Empathie nicht so frei, wie man das von sich als liberalem und hilfsbereitem Menschen eigentlich als natürliche Reaktion erwartet hätte. Unsere persönliche Solidargemeinschaft endet irgendwo diesseits der Stratosphäre, meistens deutlich früher. In Indien zum Beispiel verlaufen Solidargemeinschaften meist entlang der Trennlinien von Religion und Kastengemeinschaft. Was können wir Deutsche daraus lernen? Nur weil wir dank globaler Berichterstattung bei jedem Armutsopfer von Aserbaidschan bis Zimbabwe ins Wohnzimmer (oder unter die Zeltplane) schauen können, hat sich doch unsere Empathiefähigkeit nicht gleichermaßen globalisiert. Da müssen wir die Grenzen unserer Solidargemeinschaft mal überdenken. Fangen Sie doch einfach mal bei Ihrer eigenen Familie an und dehnen das schrittweise aus. Mal sehen, wie weit Sie kommen.

Im Elternhaus meines besten Jugendfreundes hing folgender Spruch: „Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Darin steckt sicherlich ein wenig die Hybris des kleinen Mannes: Ein Glaubenssatz über die eigene Wirkmächtigkeit oder auch ein Schlachtruf im Kampf gegen die (un)sichtbaren Mächte dieser Welt. Dazu gibt’s Erfolgsgeschichten von Atomausstieg bis Brent Spa. Und die Gesamtbilanz? Wie viele Kämpfe hat der kleine Mann gewonnen, wie viele verloren? Wie gestaltungsmächtig fühlen SIE sich zum Beispiel, wenn sie morgens vor dem Spiegel stehen? Klar ist doch: Wer glaubt, jedes Problem lösen zu können, der muss sich irgendwann fragen lassen, warum er das nicht macht! Das kann also anstrengend werden. Wenn Sie ein entspanntes Leben haben möchten, dann nehmen Sie sich nicht so wichtig. Da können Sie bei der nächsten Reportage über ein Erdbeben in Haiti getrost wegschalten. Halten Sie einfach nur Ihren Vorgarten in Ordnung.