Meine Mutter hatte während meiner Jugend die Angewohnheit, zu Prime Time Ausstrahlungen von Action Filmen immer dann ins Wohnzimmer zu kommen, wenn es knallte. Nach kurzem Blick auf den Bildschirm fragte sie dann entrüstet, wie wir uns ernsthaft derart brutale Filme anschauen könnten. Diese (mit markerschütternder emotionaler Wucht vorgetragene) Kritik richtete sich vor allem auch gegen die vermeintlich prinzipienlose Erziehungspraxis meines Vaters, der solche eher seltenen Filmabende mit mir genoss; denn Filmabende mit meiner Mutter bedeuteten in der Regel schwere Kost der Kategorie Gesellschaftskritik („Einer flog übers Kuckucksnest“), Beziehungs- und Charakterstudien für angehende Psychotherapeuten („Zeit des Erwachens“, „Ein Herz im Winter“, „Miss Daisy und ihr Chauffeur“) oder aber Romanzen, wo das Happy End schon im Vorspann absehbar war.

Nach einem James Bond Film hatte mich auch nie das Gefühl überkommen, ich müsste jetzt mal jemanden verprügeln oder unsere Katze anzünden.

Es waren vor allem zwei Argumente, die meine Mutter gegen Filme wie James Bond oder Stirb Langsam ins Feld führte. Zum einen würde hier Sozialverhalten vermittelt, das auf Aggression, Rücksichtslosigkeit, Machotum und roher Gewalt basiere. Zum anderen könne man nach solchen Filmen nicht schlafen und bekäme Alpträume. Wenn ich jetzt mit gereiftem Blick (zwischen heute und Jugend liegen über 20 Jahre) zurückschaue, erweist sich der (moderate) Genuss von Action Filmen pädagogisch und emotional als harmlos. Mein Aggressionspotential bewegte sich auf dem Niveau einer Sonnenblume, aus dem Kampfsport Judo bin ich nach drei defensiven Jahren ausgestiegen, weil ich im Wettkampf nur rücksichtsvoll um den Gegner herumtänzeln konnte. Nach einem James Bond Film hatte mich auch nie das Gefühl überkommen, ich müsste jetzt mal jemanden verprügeln oder unsere Katze anzünden.

Ich kann übrigens nach solchen Filmen prima schlafen: Die Welt wurde gerettet, die Guten haben gesiegt. Wenn man ein bisschen mitgefiebert hat, dann ist man beim Happy End auch zufrieden erschöpft – ganz wie nach einem Hundertmeterlauf, den man gewonnen hat. So ein Film ist im Übrigen gar nicht darauf ausgelegt, emotional zu schockieren (im Gegensatz zu Horrorfilmen). Dafür ist die Fiktionalität für den Zuschauer immer präsent: Im James Bond durch grotesk überzeichnete Gegenspieler (zum Beispiel „Beißer“) oder futuristische Technologie (unsichtbares Auto in “Stirb an einem anderen Tag”). In „Terminator 3 – Rise of the Machines“ prügeln sich die beiden Killermaschinen „T-850“ (Schwarzenegger) und „T-X“ in einer Toilettenanlage und hauen sich die Kloschüsseln um die Ohren. Abgesehen davon, dass bei diesem Kampf der Maschinen Mitgefühl ohnehin völlig absurd ist, kann man diese Szene nur als sehr gelungene Parodie auf jene Titanenkämpfe vor erhabener Endzeitkulisse sehen. Ich habe damals im Kino brüllend gelacht.

Anspruchsvolle Filme haben häufig nicht die Wirkung von Sandmännchen-Episoden. Natürlich, wer die menschliche Komödie verstehen will, für den sind diese Streifen exzellentes Lehrmaterial. Wer ruhig schlafen will, für den ist das ein Worst Case. Einer der Filme, die einen totalen seelischen Erschöpfungszustand hinterlassen und über lange Strecken so nervenaufreibend sind wie das Kreischen von Fingernägeln auf einer Tafel, ist der Film Babel. Der Regissuer Alejandro González Iñárritus hält sich nicht mit Oberflächlichkeiten auf, er widmet sich laut einer Kritik „Themen wie Schuld, Verzweiflung, Tod und Gewalt und deckt dabei die tiefsten der menschlichen Abgründe auf.“ Dem Zuschauer wird hier jeder Trost von Fiktionalität verweigert, denn hier wird ja explizit die Conditio Humana seziert. Diese Filme arbeiten sich mit eindringlichen Leinwandszenen bis ins Zentrum der Sensibilität vor und setzen dort ihre Botschaft des Grauens ab. Wer als Filmzuschauer nicht in eskapistische Debilität abgleiten will, dem bieten diese Filme viel Material für eine ungeschönte Realitätsschau und das gehört zum Leben dazu. Wer aber abends nach einem anstrengenden Arbeitstag voller Konflikte nach Hause kommt, der riskiert mit der Wahl von „21 Gramm“ (Alejandro Iñárritus) oder „Million Dollar Baby“ (Clint Eastwood) einen depressiven Zusammenbruch.

Bei einem Genre waren meine Mutter und ich im Übrigen eine Seele. Klamauk à la Adriano Celentano („Des Widerspenstigen Zähmung“) oder Don Camillo und Peppone, heute Filme  wie “Monsieur Claude und seine Töchter”. Da müssen wir regelmäßig zurückspulen, weil wir inmitten brüllender Lachsalven die nächsten Pointen verpasst haben.