Endlich sein eigener Chef sein, Titel: Geschäftsführer. Wow! Nach der ersten Euphorie über die sexy Visitenkarte die Ernüchterung: Ja, ich bin Chef, aber gleichzeitig mein eigener Mitarbeiter. Das macht 8 Stunden Chef, 8 Stunden Mitarbeiter: Also 16 Stunden. Entgegen aller romantischen Vorstellungen vom Unternehmensgründer geht das Vielen so. Der Gründer von Evernote im Economist: “It is amazingly difficult work – you have no life balance, no family time, and you will never work harder in your life.”

Vielleicht mache ich aber auch was falsch. Den Verdacht muss ein Freund von mir gehabt haben, als er mir den Bestseller The 4-Hour Work Week von Timothy Ferriss schenkte. Das Versprechen des Autors: „The goal is fun and profit.” Der Autor selbst sei ja auch von einem 14-Stunden-Arbeitstag und $40.000 pro Jahr zu einer 4-Stunden-Arbeitswoche bei $40.000 pro Monat (!) gekommen. Die Methode: “To have others work for you.” und “To be neither the boss nor the employee, but the owner. To own the trains and have someone else ensure they run on time.” Das ist in etwa so hilfreich wie der Rat vom Billionär in Rainald Grebes gleichnamigem Song: “Du fragst mich was vor Armut schützt / die Antwort lautet: Grundbesitz – jippiee“.

Für $13.33 liefert das Buch natürlich noch mehr nützliche Tipps, zum Beispiel die Empfehlung zu mehr Effizienz. Praktisches Beispiel aus dem Leben des Autors als Telefonverkäufer: Statt während der Kernarbeitszeiten von 9.00 bis 17.00 Uhr von der Sekretärin eines Einkäufers abgefertigt zu werden, ruft man einfach zwischen 8.00 – 8:30 und 18.00 – 18:30 Uhr an. Da ist die Sekretärin nicht da. Ergebnis: „For a total of one hour, I was able to avoid secretaries and book more than twice as many meetings as the senior sales executives who called from 9-5. In other words, I got twice the result for 1/8 the time.” Das ist ein Effizienzgewinn von Faktor 16. Mir dämmerte, Herr Ferriss überschätzte da etwas den Einfallsreichtum seiner LeserInnen: Denn wie erreicht man solche Wunder der Output-Maximierung im Krankenhaus-OP? Oder als Kindergärtnerin?

Das Buch ist ein Friedhof an Binsenweisheiten, verbunden mit dem Heilsversprechen eines Lebens voller Spaß und ohne Anstrengung. Das ist gefährliche Quacksalberliteratur wie alle sonstigen Endlich-Reich-Schlank-und-Glücklich Ratgeber mit Allzeit-Konjunktur. Natürlich, jeder verdiente Dollar ist in Thailand oder Indien drei oder vier Mal so viel Wert, also für den Contentwriter ohne Ortsbindung eine attraktive Option – zumindest außerhalb der Hitze- und Monsunzeit. Und so hat es das Buch immerhin zu Kultstatus bei der Work-and-Travel-Generation gebracht, die in dieser Nische ihre Entdeckerlust ausleben können. Da hat das Buch seine Berechtigung. Aber liebe LeserInnen, bitte nicht vergessen: Es geht wirklich nicht ohne Anstrengung.

Lieber Herr Ferriss, mit ihrem Buch habe ich immerhin einen Effizienzgewinn von Faktor 8 geschafft: Denn nach 50 Seiten habe ich gemerkt, dass das Buch für mich nix bringt. Dann habe ich es weggelegt. Manche merken das erst am Schluss, nach 400 Seiten. Macht Faktor 8. Für Faktor 16 war ich einfach zu blöd.