Wissen Sie, wer die progressive Einkommensteuer erfunden hat? – USA. Wissen Sie, in welchem Land der Spitzensteuersatz einst bei 94% gelegen hat? – USA. Man reibt sich verwundert die Augen. Wirklich? Ausgerechnet ein Land, in dem heute 10% der Bevölkerung 70% des Gesamtvermögens besitzen, und die reichsten 1% sogar 35% des Gesamtvermögens der Nation?

Der Ökonom Thomas Piketty nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise durch die Jahrhunderte, und erzählt die Geschichte der Einkommensentwicklung und Vermögensakkumulation. Sukzessive arbeitet er die Gesetzmäßigkeiten heraus, die in der Gegenwart zu immenser Vermögenskonzentration geführt haben und zur heutigen Lohnspreizung. Gleichzeitig analysiert er die fiskalische Revolution, deren Grundstein etwa Ende des 19ten Jahrhunderts gelegt wird und die mächtige Instrumente zur Eindämmung von Ungleichheit hervorbringt.

Das Buch ist dabei keineswegs anti-kapitalistisch. Es geht nicht ohne, denn es erfüllt zwei wichtige ökonomische Funktionen: Zum einen Wohnraumbeschaffung, zum anderen ist es Produktionsfaktor für die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen. Gleichwohl führt Piketty unseren Selbstanspruch einer meritokratischen Gesellschaft ad absurdum, wenn er auf eine Reproduktion der herrschenden Elite durch Vererbung teils kolossaler Vermögen hinweist. Das ist nicht neu. Aber Piketty fundiert seine Forderungen mit „einem noch nie zusammengetragenen Faktenreichtum“ – aus der Buchkritik von Die Welt (Hinweis für Leser*innen: Das Buch hat ca. 800 Seiten).

Piketty lässt keinen Zweifel daran, dass die Antwort auf die Ungleichheit politisch sein muss: „Die Geschichte der Vermögensverteilung ist immer auch eine durch und durch politische Geschichte und lässt sich nicht auf rein ökonomische Mechanismen reduzieren.“ Ein erster Hebel liegt in der Bildungspolitik: „Langfristig betrachtet ist die entscheidende Triebkraft für eine Egalisierung der Lebensbedingungen die Ausbreitung von Wissen und Qualifikation.“ So haben beispielsweise die Forscher Goldin und Katz nachgewiesen, dass die wachsende Lohnungleichheit in den USA darauf zurückgeht, dass der Staat nicht ausreichend in Hochschulbildung investiert.

Piketty fordert ebenfalls eine Renaissance der progressiven Einkommensteuer. Denn seine Datenanalyse zeigt Folgendes auf: Die Länder, die ihren Spitzensteuersatz am stärksten gesenkt haben (z.B. USA: 70% in 1980, 28% in 1988), sind dieselben, in denen die höchsten Einkommen am stärksten gestiegen sind. Warum? Das Sinken des Grenzsteuersatzes motiviert Führungskräfte enorm, eine höhere Vergütung herauszuschlagen. Und weiter: „Alles weist darauf hin, dass ein Satz von 80% für Einkommen von über 500.000 oder 1 Million Dollar dem amerikanischen Wachstum nicht nur nicht schaden, sondern ihm Auftrieb geben und zu einer spürbaren Eindämmung ökonomisch unfruchtbaren (ja schädlichen) ökonomischen Verhaltens führen könnte.“ Das „ökonomisch unfruchtbaren Verhalten“ finden wir auch bei Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in „Der Preis der Ungleichheit“ wieder: Die höhere Sparquote der Reichen entzieht dem Wirtschaftskreislauf Konsum und führt zu einer höheren Instabilität und Blasenbildung.

Kaum überraschend: Gerade die Erbschaftssteuer ist ein zentrales Instrument, um übermäßige Vermögenskonzentration zu begrenzen. Gerade bei den größten Vermögen geht das im übrigen kaum mit Einschränkungen einher. Liliane Bettencourt verfügte über ein Vermögen von 30 Mrd. Euro, das bei einer (realistischen) Rendite von 7% einen jährlichen Konsum von 2,1 Mrd. Euro ermöglicht. Was soll da man da morgens standesgemäß frühstücken? Einen Teller mit Obst, das auf dem Mars angebaut wird?

Und schließlich hält Piketty eine progressive jährliche Kapitalsteuer für ein notwendige fiskalische Neuerung. Zwar hält er eine globale Kapitalsteuer für eine Utopie, da sie ein Maß an internationaler Koordination erfordert, das mittelfristig wenig Aussicht auf Realisierung hat. Gleichwohl ließe sich in transnationalen Institutionen wie Europa eine solche Idee bereits schrittweise umsetzen. Mit Widerstand müsse man rechnen, aber auch die Einkommensteuer wurde vor etwas mehr als einem Jahrhundert vehement abgelehnt.

Das Buch führt einerseits die unerbittlichen Mechanismen vor Augen, die das Maß an Ungleichheit in der Gegenwart unablässig ansteigen lassen. Andererseits schafft Piketty ein Bewusstsein für die Gestaltungsmacht von Politik. Dem aufmerksamen Leser wird hierbei nicht entgehen, dass die entscheidenden fiskalische Revolutionen im Kontext von Staatskrisen stattfanden: Französische Revolution, Erster und Zweiter Weltkrieg. Die Veränderungsbereitschaft des Menschen – das lässt sich im Alltag leicht beobachten – wird meist durch Krisen hervorgebracht.

Aber soweit muss es nicht kommen. Man kann auch bei drei, vier Maß Bier friedlich Kompromisse aushandeln. So machen wir das in Bayern.