Das Paradies hat einen Namen für Inder: Deutschland, Großbritannien, USA, Australien. Da wollen sie hin. Nun stelle man sich vor: Adam und Eva erklären dem lieben Gott, dass sie demnächst abreisen wollen. Ganz ohne Rauswurf. Der liebe Gott dürfte ziemlich überrascht sein. So war das mit meinen Schwiegereltern. Nach 20 Jahren erfolgreicher Integration in Deutschland gingen Sie aus dem Sehnsuchtsort, wo Milch und Honig fließen, zurück in ein Land, wo seinerzeit in 1990 weder überall Wasser floss noch regelmäßig Strom. Das wollten sie ändern.

Wir Deutsche mögen ja auch unsere Abenteuer. Aber erstens befristet für die zwei Wochen Sommer- oder Winterurlaub, und zweitens mit Risikoabsicherung, falls es gar zu wild wird. Ich glaube, meine Schwiegereltern mögen es eigentlich auch ein bisschen wild: Keine Schokolade, kein Brot, keine Nudeln, keinen Käse, keine Schwarzwälder Kirschtorte (eigentlich gar keine Torte), noch nicht mal Shampoo; das neue Eigenheim (Baujahr 1905, Fußboden aus gestampfter Erde) während der Monsunzeit so feucht wie ein Schwamm – erst eine Drainage nach deutscher Bauherrenart schafft Abhilfe; der Führerschein nach wochenlangem Warten erst übertragen mit dem üblichen Schmiergeld an den zuständigen Beamte. Der deutsche Ottonormalverbraucher hätte da schon längst die ADAC Reiserücktrittsversicherung angerufen.

Wer aus dem Paradies kommt, dem schlagen typischerweise hohe Erwartungen entgegen. Mit ein paar Äpfeln gibt man sich da selten zufrieden, bestenfalls sofern aus Gold. Da meine Schwiegereltern aber aus Deutschland und nicht von Fort Knox kamen, gab es einige Enttäuschungen, bisweilen auch Ärger. Überhaupt rollte die indische Gesellschaft nur einen sehr schmalen roten Teppich aus – trotz gut gemeinter Investitionsabsichten und wertvollem Know-How über paradiesische Zustände. So bestanden die staatlichen Schulen beispielsweise auf Einstufungstests in Landessprache für die beiden Töchter (6 und 12 Jahre), die sich noch nicht mal ein Bier hätten bestellen können (was es – nebenbei bemerkt – sowieso nicht gab). Eine katholische Privatschule lenkte schließlich ein. Im ersten Jahr auf der Schule hagelte es zwar nur 6er bei den Noten, die Töchter verstanden ja erstmal gar nichts. Gar nichts etwa in diesem Sinne: Klfxkrrfkkrttzzpffffff …. ab dem zweiten Schuljahr ging es aufwärts, die älteste Tochter wurde sogar bald zum Klassenprimus.

Wenn der Mann überzeugt war, dass die Erde eine Scheibe ist, dann war das automatisch Familientradition.

Nüchtern betrachtet war die Heilige-Kuh-und-Turban-Gesellschaft Indiens Anfang der 1990er ein Patriarchat ohne Wenn –und-Aber: Wenn der Mann überzeugt war, dass die Erde eine Scheibe ist, dann war das automatisch Familientradition. Nicht einfach für Frauen westlicher Prägung. Das wurde ein harter Lernprozess – und zwar für die indische Gesellschaft! Denn meine Schwiegermutter, bis zur Abreise Oberschwester in einem Bundeswehrkrankenhaus, war gewohnt zu sagen wo’s lang geht und hat im Ernstfall auch mal zurückgeschossen; sie hat die Energie eines mittelgroßen Atomkraftwerks und ein Mundwerk wie eine Kalaschnikow (Meine Schwiegermutter wird das auch lesen und da krieg ich bestimmt eins drauf. Aber ich habe eben auch ein Mundwerk wie eine Kalaschnikow, das verbindet). Sie hat mit ihrem Mann eine Ausbildungsschule für Näherei gestartet und einen Kindergarten, so dass Frauen ihre Kinder zur Betreuung geben und dann ihr eigenes Geld verdienen konnten. Das hat viel verändert im Lebensumfeld meiner Schwiegereltern. Die Welt ist jetzt ein bißchen runder und endlich gibt es in Indien auch Schokolade.

Meine Schwiegereltern sind 1990 aus Gießen bei Frankfurt nach Kerala / Südindien zurückgezogen. Mein Schwiegervater war damals promovierter Agrarwissenschaftler, meine Schwiegermutter Oberkrankenschwester in einem Bundeswehrkrankenhaus. Inzwischen haben Sie in eigenes Paradies errichtet, drei Urlaubsressorts in Südindien für deutschsprachige Touristen, mehr unter www.basis-reisen.de