Zu Zeiten Kants im 18ten Jahrhundert war für jeden sonnenklar, wie man in den Himmel kommt. Gutes und schlechtes Handeln waren ganz trennscharf. Zum einen war die Meinung des Pfarrers damals noch so etwas wie ein ethisches Garantiesiegel (heute auf Ramschniveau), zum anderen war die Informationsbeschaffung für ethische Entscheidungen im lokalen Lebenskontext ganz einfach: Wer einen Sack Kartoffeln kaufte, der wusste, ob der Kartoffelbauer seine Frau schlug oder nicht. Und auf der Wiese nebenan konnte man persönlich überprüfen, ob die Milch von glücklichen Kühen kam (heute kann man sich da nur noch bei Produkten von „Glücksklee“ sicher sein). Die Entscheidungslage war damals also übersichtlich, da konnte Kant mit seinem kategorischen Imperativ gut fordern, dass alle Handlungen darauf zu prüfen sind, ob das Recht aller betroffenen Menschen berücksichtigt werde und – im weiteren Sinne – ob die Konsequenzen einer Handlung ethisch vertretbar seien.

Wer heute eine einfache Armbanduhr kauft (für etwa 100 Euro), der kauft ein Produkt, dessen Einzelteile in der globalen Logistikkette Dutzende von Wertschöpfungsstationen durchlaufen und einen Weg zurückgelegt haben, der einer Reise zwei Mal um die Welt entspricht. Da hat die Uhr meist schon mehr von der Welt gesehen als der Käufer – und das ist genau das Problem. Kant konnte dem Kartoffelbauern noch sagen: „Du schlägst Deine Frau, Deine Kartoffeln will ich nicht. Das widerspricht meinem kategorischen Imperativ.“ Der Uhrenkäufer von heute dagegen weiß ja gar nicht, ob die Uhrmacher in Fernostkontinentalasien vom Aufseher geschlagen werden. Und für tiefergehende Investigationen haben Gelegenheits-Uhrenkäufer nicht ernsthaft Zeit (einmal abgesehen von Rentnern). Nicht einmal die Handelsfirmen. Eine Firma, die sich anerkanntermaßen um nachhaltige Produkte im Handelssortiment bemüht, konzediert: „Das Problem ist: Wir können als Händler im Massenmarkt nicht für alle Artikel, die wir ja auch nicht selbst produzieren, 100 Prozent Absicherung erreichen.“

Ist ein Monatslohn von 100 Euro in einer Textilfabrik in Bangladesch Ausbeutung oder eine Zwischenetappe im wirtschaftlichen Entwicklungsprozess des Landes?

Nehmen wir einmal an, dies ließe sich technologisch lösen: Jedes Produkt erhält einen RFID-Chip mit den Video-Mitschnitten jedes Arbeitsganges für jede Wertschöpfungsstation, inklusive Kontaktdaten der Arbeiter. Nach 15 Stunden Video-Analyse (je Modell) kann der Uhrenkäufer also eine Uhr wählen, wo er schon mal sicher ist, dass niemand geschlagen wird. Nach dem Filmgucken fängt dann aber die eigentliche Arbeit an, nämlich die Folgenabschätzung der Kaufhandlung: Ist ein Monatslohn von 100 Euro in einer Textilfabrik in Bangladesch Ausbeutung oder eine Zwischenetappe im wirtschaftlichen Entwicklungsprozess des Landes? Verbessert es die Lebenssituation des Tagelöhners in einer südamerikanischen Eisenerz-Mine, wenn man die teurere Uhr kauft? Und so weiter. Klingt nicht trivial. Ist es auch nicht. Die Interdependenzen in einer global vernetzten Wirtschaft sind vielfältig, Wirkungszusammenhänge sind komplex. So komplex, dass gilt: 3 Experten, 5 Meinungen.

Der Universalgelehrte Kant hätte sicherlich eine kluge Kaufentscheidung getroffen (zumindest theoretisch, denn zu seiner Zeit gab’s noch keine Armbanduhren). Aber weder haben alle Käufer die Geistesgröße eines Kant (vgl. PISA), noch die Zeit für ein Studium der sozio-ökonomischen Systemtheorie (außer vielleicht Rentner). Solche Probleme werden heute wie folgt gelöst: Wenn Verarbeitungsregeln so komplex werden, dass sie kognitiv von einem Menschen nicht mehr bewältigt werden können, dann übernimmt das die Maschine (vgl. Regelsysteme für Atomkraftwerke, Flugzeuge). Wie das in der Praxis für unser Thema aussehen könnte, zeigt die App BuyPartisan: Jedes einfache Parteimitglied in den USA kann damit überprüfen, ob eine Kaufhandlung die „republikanische“ oder die „demokratische“ Sache unterstützt. Denn die App verrät, an welche Partei Wahlkampfspenden einer Firma geflossen sind. Analog dazu könnte man mit einer App EthischEinkaufen den Barcode eines Produkts scannen (oder auch eine Firma eingeben) und erhält das Produktrating (oder Firmenrating) in Kategorien wie „Ökologische Verträglichkeit“, „Faire Arbeitsbedingungen“ und so weiter. Es gibt ja heute schon Einkaufsratgeber von Greenpeace. Die sind allerdings noch ein bisschen unpraktisch, denn allein für den Kauf von Fisch ist ein 24-seitiges Dokument durchzuarbeiten.

Man muss kein Skeptiker des Technologieglaubens sein, um auch hier praktische Umsetzungsschwierigkeiten zu sehen. Allein das Sortiment der REWE-Handelskette beläuft sich auf ca. 50.000 Produkte, Amazon bietet in Deutschland ca. 150 Mio. Produkte an (in den USA etwa doppelt so viele). Nicht jedes Produkt durchläuft Dutzende von Wertschöpfungsstationen, aber der Anteil wirklich lokaler Produkte läuft gegen Null. Das wäre auch für die 2.400 bei Greenpeace weltweit beschäftigten Mitarbeiter ein mehrjähriges Großprojekt. Kann überhaupt Verantwortung für ethisches Handeln einfach an Technik delegiert werden? Würde das der Richter beim Jüngsten Gericht wirklich akzeptieren, wenn bei ethischem Fehlverhalten auf Produktfehler der App und das deutsche Produkthaftungsgesetzt verwiesen wird?

Wir profitieren von zahlreichen Vorteilen unserer komplexen, globalen Welt. Damit einher geht eine Informationspflicht, die wir als Demokraten ohnehin erfüllen müssen. Den Anspruch auf Perfektion können wir zwar nicht erreichen („Es irrt der Mensch, solang er strebt“), aber um in den Himmel zu kommen, reicht vielleicht schon der gute Wille: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ (Faust. Der Tragödie zweiter Teil). Kant hätte das sicherlich genau so gesehen.