Wir Deutsche sind ja sehr detailverliebt. Das ist ein Wettbewerbsvorteil. Beim Bauen von Autos zum Beispiel. Da klappert nix. Die Tür öffnet sich mit Berührung. Stimmerkennung. Toll. Und auch beim Thema Hygiene haben wir eigentlich einen Weltmeistertitel verdient: Viele Wohnungen sind OP-tauglich. Aber wehe wenn nicht! Als ich einmal während meiner Junggesellenphase eine Bekannte zu Gast in meiner Wohnung hatte und die Sonne sommerlich-stimmungsvoll herein schien, meinte sie, ich müsste mal wieder die Fenster putzen. Das war nicht bierernst gemeint (wir waren beim Kaffeetrinken), aber trotzdem will man das eigentlich nicht hören, wenn man jemanden einlädt. In Indien dagegen (mein Zweitwohnsitz) hat mir das mit dem Fensterputzen noch nie jemand gesagt – und wer Fenster in Indien kennt, den wundert das sicherlich ein bißchen.

Wenn man mal eine Weile im Ausland gelebt hat, fällt einem der deutsche Perfektionismus einfach auf. Kürzlich habe ich einen meiner Onkels besucht, der als Freizeit-Farmer vielleicht 10 Hühner hält. Dafür hat er einen Hühnerstall mit einem Fundament gebaut, das besser ist als bei einem Großteil der Behausungen in Indien. Der Stall ist eine 5-Sterne Hotel, niemand würde sich wundern, wenn die Hühner plötzlich anfangen goldene Eier zu legen. Und wussten Sie außerdem: Trotz mehrerer Revolutionen bei der Mechanisierung der Hausarbeit verbringen wir etwa noch genauso viel Zeit damit wie schon unsere Großeltern: Weil wir gleichzeitig unseren Hygienestandard um ein Vielfaches gesteigert haben und differenziertere Ansprüche entwickelt haben.

Nun ist ja Perfektionismus grundsätzlich nichts Schlechtes. Ich selbst unterscheide für mich zwischen zeitraubendem und zeitsparendem Perfektionismus. Zeitsparend ist er beispielsweise, wenn Autos entwickelt werden, die mehr Zeit auf der Straße verbringen als in der Werkstatt. Zeitraubend ist er beim Fensterputzen, bei Laubsaugern im Garten, bei Tischstaubsaugern oder bei der bürokratischen Regelungswut für Unternehmen. Für LeserInnen mit Tischstaubsauger ist das subjektiv vielleicht eine große Bereicherung. Aber für mich ist der Tischstaubsauger weder ein Meilenstein in der Geschichte der Technik noch jener der Menschheit im Allgemeinen – eher eine verzweifelte Maßnahme der Staubsaugerindustrie für ewiges Branchenwachstum. Nach der gleichen Logik kommt bald der Sauger im Kugelschreiberformat auf den Markt, mit dem man endlich Bilderrahmen oder die schmale Kante bei Computerbildschirmen staubfrei bekommt.

Als Perfektionist sollte man auch wissen: Perfektionismus ist wie die Jagd nach dem Regenbogen. Man kommt nie an. Den perfekten Zustand gibt es einfach nicht. Und der Weg zum (wenigstens halbwegs) perfekten Zustand besteht darin, die Unzulänglichkeiten zu eliminieren. Man muss sich ständig fragen, was kann man besser machen? Was ist noch nicht gut? Das ist zweifelsohne das richtige Mindset, wenn man Fahrzeugkonstrukteur ist oder im Chefsessel eines Konzerns sitzt. Diese Haltung ist aber eine denkbar schlechte Voraussetzung, wenn man nach Feierabend einfach zufrieden sein will. Und man kann das nicht einfach abschalten. Es geht, aber es erfordert eine Menge geistiger Flexibilität.

Perfektionismus hat in manchen Lebensbereichen auch einfach nichts zu suchen: Wer zu Hause im eigenen Garten mit dem Laubsauger der Natur das Fürchten lehrt, der wird sich bald im naturbelassenen Stadtpark nicht mehr wohlfühlen. Ich kenne inzwischen einige Gärten, wo Bäume wegen des herbstlichen Laubfalls abgehackt wurden; und viele Vorgärten in der Wohnstraße meiner Eltern wurden zugepflastert oder wegbetoniert. Ach ja, vor allem in menschlichen Beziehung hat Perfektionismus schon gar nichts zu suchen. Meine Erfahrung ist: Menschliche Beziehungen funktionieren gerade dann am besten, wenn man davon ausgeht, dass der/die Andere eben nicht perfekt ist. Der beste Freund ist doch derjenige, der unerschöpfliche Nachsicht mitbringt gegenüber all den unperfekten Eigenschaften seiner Mitmenschen. Auf einer meiner Lieblingspostkarten heißt es: „Liebe ist, den anderen so zu sehen, wie er nicht ist.“

Warten Sie jetzt bitte nicht auf einen Schlusssatz wie „Diesen Artikel widme ich meiner Frau, das einzig Perfekte auf dieser Welt“. Das ist kein Drehbuchtext für eine Rosamunde Pilcher Verfilmung. Aber zum Trost für alle Romantiker: Meine Frau ist nicht ganz perfekt (wenngleich nah dran) – aber wir arbeiten dran.