Das Modewort work-life-balance ist für mich ein vorläufiger Höhepunkt sprachlicher Brandstiftung. Arbeit und Leben sind plötzlich Gegensätze. Die Konsequenz daraus verkündet Freizeit-Guru Timothy Ferriss (“Die 4-Stunden Arbeitswoche“): „The perfect job is the one that takes the least time.“ Anders formuliert: Wie kann man am schnellsten Geld verdienen? In der idealen Welt von Herrn Ferriss gewinnen wir alle im Lotto.

In der idealen Welt eines Managers gibt es eine solche Arbeitsverweigerung nicht, eher vielleicht: Permanente Arbeitswut. Mein Freund, der Buddhist, musste darüber schmunzeln: Mein Freund, hörte ich ihn sagen, in der westlichen Arbeitsgesellschaft wird die Arbeit zum zentralen Sinnstifter. Mehr Arbeit, mehr Sinn. Oft verdrängt Arbeiten auch einfach die Sinnfrage. Dieses Extrem provoziert natürlich sein Gegenteil. – Aber mal ehrlich, was würde denn ein Buddhist mit einem Lottogewinn machen? – [lacht] Der Buddhist Mathieu Ricard zum Beispiel hat alle Einnahmen aus seinen Buchveröffentlichungen einer Stiftung vermacht. Er braucht 50 Euro im Monat. – Aber er könnte ja ganz aufhören zu arbeiten und noch mehr meditieren, oder? – [lacht schon wieder] Arbeiten ist eine ethische Tätigkeit. Mit meinem Tun kann ich Freude stiften, Leid mindern. Wer nur fragt, wo kann ich gut verdienen, der vergisst das bisweilen.

Ich habe mal recherchiert. Mathieu Ricard lebt in Indien. Da kommt man mit 50 Euro im Monat vielleicht aus. Also als Buddhist vielleicht. Ich nicht, und ich lebe hier auch ziemlich oft. Mein Freund, hörte ich dazu den Buddhist sagen, Du kommst mit westlichem Lebensstandard nach Indien. Wie willst du da mit 50 Euro auskommen? – Aber ich rede nicht mal von Schweinebraten, nur ein Bier ab und zu. Das allein kostet schon einen Euro! – [belustigtes Schmunzeln] Wir haben immer die Wahl. – Zwischen Kingfisher und Heineken zum Beispiel? – Zwischen Bier und kein Bier. – Oh, super Wahl: zwischen einem Scheißleben und viel Spaß. – [breites Grinsen] Zwischen Konsumzwängen, die am Ende Deine Berufswahl vorgeben, und echter Freiheit. Je mehr Zwänge Du aufgibst, desto mehr Freiheit gewinnst Du. – Klingt nach buddhistischem Kalenderspruch. – Funktioniert aber.

Jetzt habe ich ernsthafte Zweifel, ob diese Kolumne gutgehen kann, „Der Buddhist und der Manager“. Für jeden Manager klingt das nach Revolution im Office. Bei weiterer Recherche habe ich aber festgestellt, dass sich buddhistische Methoden in Unternehmen verbreiten. Harvard bietet neuerdings „Mindful Leadership“ Seminare an, bei Google gibt es morgendliche Achtsamkeitsübungen. MBB, Bayer oder Siemens schicken Manager zur Meditation. Dabei geht es in erster Linie um Leistungssteigerung und Entspannungstechniken im Arbeitsalltag (Wer Erleuchtung suchte, der wäre ja ins Kloster gegangen). Ein Manager erzählt über seine Mitarbeiter, die Zen machen: „Sie schlafen besser, arbeiten effizienter und verbrennen nicht.“

Der Buddhist freut sich über diese Entwicklung: Wer meditiert und Achtsamkeit einübt, der verändert seinen Blick, egal warum er damit angefangen hat. – Was kommt dann dabei heraus? Ein Manager, der jeden Tag einen buddhistischen Kalenderspruch an seine Mitarbeiter verschickt? – [zieht die Augenbrauen hoch] Quatsch, der Buddhist ist nicht geschwätzig. Schau mal: Management funktioniert heute viel über Druck. Auf dem buddhistischen Weg dagegen entwickelst Du Leadership, das erzeugt eine Sogwirkung. Du wirst zur Führungskraft mit ethischer Grundlage, die überzeugend und sinnstiftend erklären kann, wo die gemeinsame Reise hingeht. – Also ein Unternehmen, wo jeder Sinn findet und sich selbst verwirklichen kann? – Selbstverwirklichung. Wie realisiere ich meine Wünsche und Talente? Nein, das greift zu kurz. Manchmal geht es einfach nur um die Frage: Wo werde ich gebraucht? Das fällt nicht immer mit unseren Talenten zusammen.  

Nach dem Gespräch haben wir noch einen Tee zusammen getrunken – einen Hopfentee. Bevor es dann richtig losgeht mit dem neuen Leben mit der ganzen Freiheit …