Versuchen Sie mal, ein Haarshampoo in der Dosierung für genau EINE Haarwäsche zu kaufen. Oder EIN Schokobonbon, oder EINEN Briefumschlag. Oder EINE Zigarette. In Deutschland: Gibt’s nicht. In Indien: Gibt’s an jedem Kiosk. Deutschland kennt man eher für Familienpackungen, die für einen Atomkrieg dimensioniert sind. In diesem Geiste hatte vor einiger Zeit einer meiner Onkels im Grossisten Metro eine Palette (sic!) Senfgläser gekauft. Sonderangebot. Meine Tante war wochenlang damit beschäftigt, die Senfgläser an Verwandte und Bekannte zweiten, dritten und vierten Grades zu verschenken.

Dieser Mikrokonsum in Indien hat einen einfachen Grund: Konzerne wie Unilever hatten beim Markteintritt im Schwellenland festgestellt, dass sie mit herkömmlichen Packungsgrößen erfolglos blieben. Die Masse (häufig: Tagelöhner) konnte sich das schlicht nicht leisten. Das Angebot für Mikrokonsum löste den Knoten. Das Prinzip ist so wirkungsvoll wie einleuchtend: Senken sie die Einstiegsschwelle für Konsum, dann erschließen sie neue Konsumenten. Das funktioniert nicht nur in Indien:

Bei iTunes kaufen Sie nur EINEN Song (nicht das ganze Album), bei DriveNow oder Car2Go kaufen Sie Mobilität im Minutentakt, auf Spiegel Online kaufen Sie nur EINEN Artikel (nicht das ganze Magazin), bei OBI können Sie von Bohrmaschinen bis zur Vertikuliermaschine alles stundenweise leihen. Sogar Möbel können Sie sich inzwischen mieten. Die Idee ist natürlich nicht ganz neu: Der Verleih von Skiern, Schlittschuhen, Surfbrettern, Videokassetten oder Autos ist schon lange etabliert. Das Stundenhotel kennen Sie sicherlich auch. Aber die Digitalisierung minimiert Transaktionskosten (Übergabeprozess, Zahlung), und so werden immer mehr Bereiche vom Mikrokonsum erschlossen. Auch Dienstleistungen sind davon nicht ausgenommen.

Am Ende gehört uns gar nichts (mehr), aber wir benutzen alles. Das ist eigentlich wie Kommunismus, oder? Man wundert sich ein wenig, wohin das führt. Verschiebt sich damit nicht das Eigentum von Privathaushalten zu Konzernen bzw. Vermietungsgesellschaften? Findet hier eine schleichende Enteignung der Mittelklasse statt? Ist das die Vorstufe zu einer neuem Kapitalismus, in dem sich die modernen Tagelöhner als (Schein)Selbstständige Vieles nicht mehr kaufen (können), sondern nur noch mikro-konsumieren? Im Minutentakt?

Für eine solche negative Sichtweise besteht aktuell aber kein Anlass. Der Mikrokonsum bzw. das Mikroleasing löst vielfach ein Problem, das Sie nur allzu gut kennen: Wie häufig nutzen Sie ihre Bohrmaschine, wie viele Stunden steht ihr Auto nutzlos in der Garage? Auto und Bohrmaschine werden vergemeinschaftet, Mikrokonsum ist quasi die verblüffende Synthese aus Kapitalismus und Sozialismus. Aber eben nicht vom Staat organisiert, sondern von OBI, Daimler und dem Tiroler Skiverleih.

Mikrokonsum macht natürlich nicht immer Sinn. Wenn Sie ein Ehebett brauchen, dann macht es in den wenigsten Fällen Sinn, das zu mieten. Das wird sehr teuer. Das sollten Sie lieber kaufen. Es sei denn … können Sie sich noch an den Vorschlag der Fürther Landrätin Gabriele Pauli in 2008 erinnern, eine „Ehe auf Zeit“ einzuführen. Für sieben Jahre. Im stockkonservativen Bayern! Für einen solchen Fall macht Leasen natürlich Sinn. Vielleicht haben Sie aber auch Glück, und die Ehe hält länger.