Das Buch ist das Ergebnis einer bemerkenswerten Marketingstrategie: Man nehme eine gigantische Erfolgsgeschichte (das Internet) und schreibe diese in die Zukunft fort. Dazu eine Prise Utopie (ein Alltag ohne lästige Hausarbeit und voller Annehmlichkeiten) und der begeisterungstrunkene Hinweis, wir würden in der spannendsten Zeit in der Geschichte der Menschheit leben. Und dann: Diese schöne Nachricht wird Ihnen überbracht von Google, nämlich von Dr. Eric Schmidt (Executive Chairman) und Jared Cohen (Director Ideas). Toll. Wenn man die nächste Suchanfrage beim unangefochtenen Weltmarktführer eingibt, fühlt sich das gleich viel besser an: Wie ein kleiner Beitrag zu einer gemeinsamen Zukunftsvision.

Das Buch ist natürlich mehr als ein Marketing-Gag. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (2013) ist es immerhin der erste (ernstzunehmende) Versuch, die Auswirkungen der digitalen Revolution auf unser Leben, die Wirtschaft und die Politik umfassend abzustecken. – Wie, 2013?!! Und wieso gibt’s dann die Kolumne erst jetzt?! – Ach, wissen Sie, bei Büchern über die Zukunft tut man bisweilen gut daran, ein bisschen Zukunft abzuwarten. Wenn die Autoren mit den Prognosen schon mal halbwegs richtig lagen, dann kann man die Thesen für die ferne Zukunft auch ernst nehmen. Für dieses Buch gilt aber: Allzu visionär werden die beiden Autoren gar nicht, der Bestseller beschreibt im Grunde nur den nächsten Schritt längst begonnener Entwicklungen. Wer also Sci-Fi-Fantasien erwartet, der sollte lieber Tom Clancy („Threat Vector“) lesen oder Kyle Mills („The Utopia Experiment“).

Das zentrale Thema: Die zunehmende Vernetzung über das Internet und die damit verbundene erhöhte Reichweite der Informationsversorgung. Dies würde nicht zuletzt das Leben von Autokraten erschweren, Missstände ans Tageslicht zerren, Handlungsdruck erzeugen. Selbst der chinesischen Führung werde die Kontrolle über ihre Bürger entgleiten. Bei allem Optimismus über die Digitale Revolution verlieren sich die beiden Autoren keineswegs in einer naiven Träumerei von Technik-Freaks. Ein Beispiel: Ausgangspunkt der Argumentation ist der blutige Konflikt in den 1990ern zwischen Hutus und Tutsi-Rebellen in Ruanda, wo Hutus Kontrolle über die Radiostationen inne hatten und so einen ungebremsten Propaganda-Krieg gegen die Tutsis führen konnten. In der neue Ära bestünde in einem vergleichbaren Konflikt Waffengleichheit in punkto Informationsverbreitung; gleichzeitig aber ergibt sich für die Weltöffentlichkeit die Herausforderung, die gigantischen Datenfluten aus dem Krisengebiet zu bewerten: Welche Bilder sind echt? Welche Information ist möglicherweise Teil einer Desinformations-Kampagne? Welche politische Maßnahme ist angemessen? Schmidt und Cohen formulieren hier Empfehlungen zu institutionellen Strukturen; eine reine technologische Antwort gibt es einfach nicht.

Die Autoren erörtern gleichermaßen Schattenseiten wie Cyber Kriminalität und Cyber War, setzen sich mit der Frage einer Bedrohung durch militärische Drohnen auseinander, beziehen Stellung zum Phänomen WikiLeaks. Sie prognostizieren außerdem das Verschwinden der Privatsphäre. Bitte?! – Diese Prognose ist leider nicht allzu gewagt, in den USA allemal nicht: Gesichtserkennung, Beacon-Technologie, biometrische Datenerfassung, Bewegungsprofile in der digitalen Welt, undsoweiter. Bei dem Thema fällt vor allem auf, dass das Buch die Rolle der großen IT Konzerne (Google, Facebook, Amazon, Apple, Microsoft, Uber) bei Datenschutz und Datenerhebung gar nicht thematisiert. Aber ich verstehe das. Die beiden haben gut bezahlte Jobs, die sollte man nicht leichtfertig riskieren. Spätestens hier wird klar: Das Buch ist eben ein Google-Projekt – nicht etwa das Projekt zweier unabhängiger Autoren, die aus ihrem Insiderwissen im Silicon Valley und ihrer Erfahrung als Google-Angestellte schöpfen. Schade.

Apropos Bezahlung: Ich stehe bereit als Ghost-Writer für Sachbuch-Bestseller à la „Die Zukunft der Mobilität“ (von Dieter Zetzsche, Vorstandsvorsitzender Daimler AG) oder „Die neue Ära der zivilen Luftfahrt“ (von Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender Lufthansa AG).