Der geschichtsbewusste Deutsche schreckt typischerweise davor zurück, im Ausland belehrend aufzutreten. Mit an Hybris grenzendem Perfektionismus erfordert das häufig eine schier übermenschliche Zurückhaltung. Das klappt allerdings nicht immer. Besonders schwierig beim Thema Umweltschutz. Zu Hause wird der Müll sorgfältig auf 10 verschiedene Wertstofftonnen verteilt, einmal pro Woche geht’s zum Recyclinghof. Umso größer die Überraschung am sonnigen Urlaubsort, wo Joghurtbecher und Plastiktüten genauso selbstverständlich zum Landschaftsbild dazugehören wie Palmen und Bambushütten.

Waren Sie schon mal in Indien (größte Demokratie der Welt, 5.000-jährige Hochkultur)? Bis in die 1980er Jahre gab’s dort im Grunde keinen Müll im engeren Sinne: Milch gab’s direkt vom Euter in die Milchkanne, Bananen waren von Natur aus verpackt, genauso wie Kokosnüsse. Dieser Bioabfall landete in einer Ecke des Grundstücks und wurde hin und wieder verbrannt. Das hatte ein bisschen Karl May Romantik, wo Winnetou seine Friedensbotschaft per Rauchzeichen in die Prärie sendete. Eines Tages kam die Milch dann in Plastiktüten, der Joghurt im Becher und so weiter. Was nicht kam: Die Müllabfuhr. Die Abfälle landeten also immer noch in der Ecke und wurden immer wieder mal angezündet. Plastik ist ja Öl. Das brennt. Die alte Methode funktioniert also noch, nur die Rauchwolken wurden eben ein bisschen schwärzer.

In Großstädten wie Bangalore (dort lebe ich zur Veröffentlichung dieser Kolumne regelmäßig) gibt es eine rudimentäre Abfallentsorgung, auch wenn der Weg eines Joghurtbechers in den Müllwagen bisweilen abenteuerliche Umwege nimmt. Auf meinem morgendlichen Fußweg zur Arbeit begegne ich immer wieder Bewohnern aus unserem Viertel, die mit einem schwarzen Müllsack in der Hand vor mir her schlendern. Rechts, links, eine Seitenstraße, dann geradeaus. Auf einem der unbebauten Grundstücke fliegt der Müllsack dann in kleinem Bogen auf das freie Feld, wo im Verlauf des Vormittags eine ganze Menge solcher Müllboten vorbeikommen – sehr zur Freude der streunenden Hunde und freilaufenden Kühe, die hier frühstücken bis die Müllabfuhr kommt. Ich selbst hänge meinen Müllsack einfach über unser Einfahrtstor, aber vielleicht hat nicht jeder ein Eingangstor. Vielleicht ist das auch praktischer für die Müllabfuhr, die das an einer zentralen Stelle abholen kann. Vielleicht hat das aber auch die Hundelobby so durchgesetzt. Indien ist manchmal schwer zu verstehen.

Die heutige Generation Indiens ist mit Müll in Wald und Wiese aufgewachsen, das ist der natürliche Zustand.

Was ich inzwischen verstanden habe: Es gibt hier keine Umwelterziehung. Noch nicht mal ansatzweise. Kennen Sie diese Bildpaare, die man bei Intelligenztests oder Kinderspielen einander zuordnet: Vogel und Nest, Auto und Garage, undsoweiter. Wenn Sie einem Inder das Bild von einem Müllsack zeigen, dazu wahlweise eine Mülltonne oder eine schöne Wiese, dann bin ich mir sicher, dass er den Müllsack und die schöne Wiese einander zuordnet. Die heutige Generation Indiens ist mit Müll in Wald und Wiese aufgewachsen, das ist der natürliche Zustand. Stellen Sie sich mal neben einen Kiosk mit Mülleimer und beobachten Sie das eine Weile. Ich habe Mülleimer gesehen, die hatten eine Öffnung so groß wie das Schwarze Loch in der Galaxie M87. Nun, 99% der Kioskkunden schmeißen die Verpackung NEBEN den Mülleimer oder aber in einem 10-Meter-Radius um den Kiosk. Indien ist manchmal sehr schwer zu verstehen.

Wir Deutschen mit Geschichtsbewusstsein sind ja nicht nur zurückhaltend mit Kritik im Ausland. Aus dem gleichen Grund ist auch die Entsendung von Soldaten eine heikle Angelegenheit. Was aber spricht gegen die Entsendung von Experten für Müllentsorgung und Umwelterziehung? Ich bin mir sicher, das würde ein weiterer Exportschlager made in Germany – neben Autos, Maschinen und ERP-Software. Wenn wir Experten UND Soldaten entsendeten, dann wäre das eigentlich die effizienteste Lösung. Nun, meine Idee ist undurchführbar.