Schule in Schweden geht etwa so: Im Namen der Selbstbestimmung junger Menschen ist die Grenzziehung großzügig, um nicht zu sagen: fahrlässig anti-autoritär. Schüler nehmen während des Unterrichts angehende Anrufe auf ihrem Smartphone an, und wenn’s beliebt, verlassen sie den Klassensaal, um in Ruhe telefonieren zu können.

Eine denkenswerte Anekdote aus der schönen neuen Cyberwelt, welche die Steilvorlage zur Kernbotschaft des Gehirnexperten Manfred Spitzer liefert: Im Angesicht der Versuchungen von Smartphone, Facebook und Co brauchen wir vor allem Grenzen und Disziplin. Sonst werden wir cyberkrank. Diese digitalen Versuchungen sind umso wirkmächtiger, als der Mensch von Natur aus denkfaul ist. Denn Denken ist anstrengend, kostet Zeit und Energie, wir neigen also zum Weg des geringsten Widerstandes. Nobelpreisträger Daniel Kahnemann und andere haben das nachgewiesen.

Mit aufklärerischem Furor und mithilfe zahlreicher Studien bereitet Spitzer die Risiken und Gefahren auf: Suchtpotential, Aufmerksamkeitsstörungen, Ende der Privatheit, Anfälligkeit für Angst, Depression, Schlaflosigkeit. Zuerst einmal räumt der Gehirnexperte Spitzer auf mit der Illusion vom effizienten Multitasking. Dafür ist das Gehirn nicht ausgelegt. „Wer täglich viel Multitasking betreibt, also diesen Arbeitsstil dennoch ständig versucht, der wird nicht besser im Multitasking, sondern trainiert sich langfristig eine Aufmerksamkeitsstörung an.“

Tatsächlich hat die Konzentrationsfähigkeit sichtbar Schaden genommen, man denke nur daran, dass junge Menschen im Schnitt 150 Mal pro Tag auf ihr Smartphone schauen. Wie kommt‘s? Die Antwort findet Spitzer beim Verhaltensforscher Fred Skinner: intermittierenden Verstärkung: „Gibt man Tauben immer dann, wenn sie bei einem bestimmten Reiz picken, ein Maiskorn als Belohnung, so hören sie mit dem Picken bald wieder auf, wenn man ihnen keine Maiskörner mehr gibt. Gibt man den Tauben hingegen gleich zu Anfang gelegentlich kein Maiskorn nach dem Picken und vergrößert dann die Abstände zwischen den Belohnungen, so picken die Tauben nach längerem Training bis zu 10 000 Mal auf den Reiz, auch wenn sie nicht dafür belohnt werden. Man hat ihnen also gewissermaßen die Idee antrainiert, wenn ich nur lange genug picke, dann werde ich schon dafür belohnt werden.“

Natürlich bleiben auch die populären Apps von Kritik nicht verschont: „Facebook verhält sich zu unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft wie Popcorn zum Bedürfnis nach Nahrung: Eine riesige Masse macht viel her und gaukelt Bedürfnisbefriedigung vor, obwohl sie vor allem aus Luft und leeren Kalorien besteht.“ Spitzer macht keinen Hehl daraus, dass er die neue Cyberwelt ablehnt; tatsächlich sind ja auch die zusammengetragenen Befunde zu negativen Effekten eines (zügellosen) digitalen Lebensstils alarmierend. Nix für schwache Nerven.

Die angeführten Studien lassen sich schwer anzweifeln, auch wenn das Buch bisweilen etwas zu kulturpessimistisch gerät („Die Welt erscheint heute in einem desolateren Zustand als noch zur Jahrtausendwende“). Nun können Sie entweder das Buch aus dem Fenster schmeißen oder ihr Smartphone. Oder beides. Oder selber springen. Nun kommt die gute Nachricht: Während Handyverbote an britischen Schulen zu einer signifikanten Leistungsverbesserung führte, zeigte sich: „das beste Viertel der Schüler hingegen blieb in seinen Leistungen durch ein Verbot von Handys unbeeinflusst.“

Das beste Viertel macht etwas anders. Darum wird es nicht cyberkrank. Da können Sie jetzt mal drüber nachdenken. Ja, Denken ist anstrengend, kostet Zeit und Energie. Aber es lohnt sich. Grüße von Daniel Kahnemann.