Kürzlich habe ich mir den Bericht Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen Ausfalls der Stromversorgung vom „Büro für Technikfolgenabschätzung“ heruntergeladen. Nach 10 Seiten bin ich eingeschlafen. Nicht etwa weil das Licht ausging, sondern weil ich wohl noch im Facebook-Modus war und darum überfordert mit Sätzen wie „Grundsätzlich wäre eine Abschätzung des für den zugrunde gelegten Fall minimalen Kommunikationsniveaus erforderlich, um darauf aufbauend die technischen Randbedingungen verschiedener Versorgungsniveaus ermitteln zu können.“ Der Bericht ist 260 Seiten lang.

Damit sich Ottonormalverbraucher eine Vorstellung von der Bedrohungslage durch einen Stromausfall machen können, hat der Autor Marc Elsberg einen Bestseller zu diesem Szenario geschrieben. Danke. Ich finde eigentlich, Autoren aus dem Unterhaltungsgenre sollten öfter zur Wissensvermittlung bei Themen von öffentlichem Interesse herangezogen werden: Wie hätte wohl Großbritannien abgestimmt, wenn ein Roman à la „Brexit: The day after tomorrow“ vorgelegen hätte? Oder: „Was vom Tage übrig blieb: Die USA nach Trump“? Demokratie braucht Vermittler komplexer Sachverhalte, wir sollten Krimiautoren und Hollywoodregisseure in diesem Sinne mehr in die Pflicht nehmen.

Nun zum Buch: Eine mysteriöse Gruppe von Hackern sorgt für den Totalausfall, der gesamte Stromhaushalt in Europa bricht zusammen. Zunächst kommt es zum Black Out in Italien und Schweden; wie in einem Dominospiel breitet sich der Ausfall rasant auf ganz Europa aus, das über ein integriertes Stromnetz verfügt. Die Ursache: Hacker nehmen einen Großteil italienischer Haushalte vom Netz, Stromangebot und –nachfrage geraten plötzlich und massiv ins Ungleichgewicht, das Stromnetz bricht zusammen. Im nächsten Schritt sabotieren die Hacker das erneute Hochfahren der stromversorgenden Einheiten. Europa versinkt dauerhaft im Dunkel.

Elsberg inszeniert die Apokalypse im Stil von „Stirb Langsam 4.0“ und „2012“: Die Verkehrssysteme kollabieren, die Wasserversorgung für Toiletten und Duschen fällt vielfach aus, der Verkehr kommt zum Stillstand, da Tankstellen nicht mehr funktionieren. Heilloses Chaos in Krankenhäusern, Kollaps der Milchproduktion ohne elektrische Melkanlagen, Lebensmittel verrotten in stromlosen Kühlhäusern. Die Politik leitete Evakuierungen ein, um Epidemien vorzubeugen; Hilfswerke, Feuerwehr, Polizei arbeiten alle nahe am Erschöpfungszustand. Mehr verrate ich nicht, Sie wollen das Buch sicherlich noch lesen.

Ich habe das Buch im Übrigen nicht fertig gelesen. Mein Sättigungsgrad war nach etwa 150 Seiten erreicht; bis dahin entwickelt Black Out ein Szenario, das dem Leser unsere Abhängigkeit vom elektrischen Strom bildreich vor Augen führt und spürbar macht, was es bedeutet, wenn die Toilettenspülung nicht mehr funktioniert und die Telefonleitung tot ist. Das Buch schießt auf der Jagd nach Superlativen allerdings übers Ziel hinaus, die Handlung mit holzschnittartigen klischeehaften Charakteren wirkt zunehmend konstruiert, die Idee eines einzigen Superhelden wird zum unbequemen Korsett des Romans und würgt die Geschichte schließlich ab. Schade. Ja, aber ich empfehle es trotzdem. Ich gehöre zu den Leuten, die sich ein Gericht bestellen, mit großem Genuss essen und dann Messer und Gabel zur Seite legen, wenn sie satt sind. So bleibt dann noch Platz für ein Dessert.