Kleines Boutique-Hotel im Norden Goas Anfang April. Das Zimmer in der Nebensaison gibt’s zum Schnäppchenpreis, es sind nur noch vereinzelte Gäste in der liebevoll eingerichteten Anlage: Eine russische Familie, ein deutsches Rentnerpaar, mein Vater und ich. Wir treffen das Rentnerpaar eines Morgens zum höflichen Grüß-Gott am hoteleigenen Swimming Pool, wo sich beide auf Liegestühlen in der Sonne aalen, umringt von einer Kollektion diverser Sonnencremes. Mein Vater und ich erfahren, dass unsere Landsleute diese Reise über diverse Internetportale selbst zusammengebucht haben (Respekt!). Sehr günstig sei das gewesen, erklären die Schnäppchenjäger stolz (Wussten die nicht, dass es Ende März ziemlich heiß wird?) – aber so richtig zufrieden seien sie nicht, schieben sie nach: Zu heiß! (Jetzt müssten sie’s eigentlich wissen).

In Delhi seien sie auch schon gewesen. Aber die geplante Stadtbesichtigung sei ärgerlicherweise verzögert worden – wegen Holi (Dieses „Fest der Farben“ ist eine jahrhundertealte Tradition, wo man sich in ausgelassener Stimmung gegenseitig mit Farbpulver bewirft). Zwar ist mir bekannt, dass die heutige Rentnergeneration häufig unter akuter Zeitnot leidet (auch im Urlaub), ganz als ob diese vorgetäuschte Atemlosigkeit aus der Arbeitswelt eine sinnstiftende Bedeutung hätte. Aber die Verärgerung darüber, dass das kulturelle Highlight aus dem Festtagskalender Indiens die Besichtigungstour in Delhi verzögert hat, verstehe ich nicht. Klingt für mich wie eine Beschwerde über eine Sonnenfinsternis, weil man dann das Licht anmachen muss.

Unser Paar klagt kopfschüttelnd, dass die Kommunikation mit dem Taxifahrer eine Katastrophe war. Kein vernünftiges Englisch, eigentlich gar kein Englisch (und schon gar kein Deutsch). So kann Tourismus ja nicht funktionieren! Vielleicht muss man den Indern Tourismus mal richtig beibringen. Ja, da haben die beiden vielleicht sogar Recht, aber Tourismus ist eigentlich ein Randphänomen in Indien, und das Urlaubsland Indien ist eigentlich gar kein richtiges Urlaubsland: Je Bewohner gibt’s gerade mal 0,005 Touristen. In Thailand sind das im Vergleich 60 Mal mehr, in Frankreich sogar 250 Mal mehr. Kurz: Die Franzosen wissen also, wie Touristen aussehen und wie man sie behandelt. Die Inder wissen das wahrscheinlich nicht, zumindest nicht alle. Eigentlich charmant für Reisende mit Lust auf Neues, aber eine schlechte Voraussetzung für die globalisierte Tourismusindustrie.

Es ist bisweilen erstaunlich, wie fremd die Fremde doch trotz aller Globalisierung und kurzer Reisewege geblieben ist …

Es ist bisweilen erstaunlich, wie fremd die Fremde doch trotz aller Globalisierung und kurzer Reisewege geblieben ist … und wie schwer verdaulich die Realität trotz Dutzender Reality Shows für Fernsehzuschauer jenseits des Horizonts der eigenen vier Wände noch immer ist. Auf der Wohnzimmercouch schnurrt die ganze große Welt in farbigen Reportagen auf die Größe des 60-Zoll-Bildschirms zusammen; aber wenn man dann einmal den Fuß in eine so chaotische Metropole wie Delhi mit 11-Millionen Bewohnern gesetzt hat, fühlt sich das trotz aller Reportagen-Vorbildung noch immer an wie eine Reise zum Mond.

Angesichts der Klagen über feilschende Rickshaw-Fahrer, dem Staunen über die Einfachheit der Lebensverhältnisse auf dem Land und der vorsichtigen Faszination über eine Landesküche voll explosiver Gewürzmischungen jenseits des deutschen Salz-und-Pfeffer-Puritanismus stellt sich doch im Grunde nur eine Frage: Wie hoch darf für (deutsche) Urlauber die Dosis an Indien sein? Eher mild in einem vollklimatisierten 5-Sterne Luxushotel? Oder deftig für den Backpacker bei Rast-Stops in schwarz verrußten Dorfrestaurants mit improvisierter Kochstelle ohne Kühlschrank und Elektrizität? Wieviel Realität jenseits der (deutschen) Komfort-Zone verträgt der Urlauber eigentlich? Fragen Sie sich doch einmal: Wann schmeckt Ihnen das 500g T-Bone Steak im Restaurant am besten: Im Abschluss an eine Fahrradtour in der Toskana, nach einem Besuch im Streichelzoo oder nach einer Streiftour durch ein indisches Slum mit bettelnden Kindern?

Letztlich hängt alles davon ab, wie wir das Ziel einer Urlaubsreise definieren. Oscar Wilde hat hierzu einmal formuliert: „Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen anderen Vorurteilen auf.“ Sein Landsmann und Schriftsteller Samuel Johnson hat das noch ausführlicher ausgedrückt: „Der Sinn des Reisens besteht darin, unsere Phantasien durch die Wirklichkeit korrigieren. Statt uns die Welt vorzustellen, wie sie sein könnte, sehen wir sie wie sie ist.“ In dieser Definition des Reisens geht es also gar nicht so sehr um Erholung, sondern um die Entdeckerlust eines Marc’O’Polo. Für diese Wagemutigen bietet Indien eine schwindelerregende Vielfalt an Entdeckungsmöglichkeiten. Hier gibt es sie noch, die echten Abenteuer.

Das Urlaubsland Indien ist kein Urlaubsland im eigentlichen Sinne. Indien ist ein Land der Vielfalt, der Extreme, der Unvorhersehbarkeit – hierfür muss man offen sein, um es genießen zu können. Wer deutsche Maßstäbe zu Hause lässt und sich auf die Andersartigkeit Indiens einlässt, hat gute Chancen, ein faszinierendes Land und unglaublich gastfreundliche Menschen kennen zu lernen. Und wem das nicht gelingt, für den bleibt ein kleiner Trost: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben.“ (Theodor Fontane)