In Indien koexistieren Arm und Reich in unmittelbarer Nähe. Der Milliardär Mukesh Ambani schaut von seiner Villa, dem teuersten Einfamilienhaus der Welt mit 27 Stockwerken und einer Belegschaft von 600 Personen , auf ein Slum in unmittelbarer Nähe. Das ist nicht ungewöhnlich in Indien. Mag Indien auch die größte Demokratie der Welt sein, der Glaube an die Gleichheit der Menschen ist auf dem Subkontinent nicht so tief verwurzelt, denn das Kastenwesen steckt noch in den Köpfen. Darum funktioniert dieses heterogene Nebeneinander auch ziemlich gut.

Anders in Deutschland. Da ist alles schön getrennt. Reiche wohnen in Bogenhausen, fliegen im Privatjet oder First Class, die anderen buchen Economy. Oder Bahn. Wo die Idee der Gleichheit zum allgemeinen Wertekanon zählt und darum jeder irgendwie – zumindest prinzipiell – den Anspruch auf eine Biografie wie Bill Gates oder Marc Zuckerberg hat, ist das allzu enge Nebeneinander von Arm und Reich eher spannungsreich. Wer will jeden Morgen beim Blick auf die Nachbarvilla das Gefühl haben, er habe es zu nichts gebracht oder sei qua Geburt benachteiligt? Umgekehrt schmeckt das Kobe-Steak nur noch halb so gut, wenn man beim Blick aus dem Restaurantfenster Obdachlose in den Mülleimern herumstochern sieht. Diese Segregation ist irgendwie auch eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Und sie wird zunehmen. Denn auch die Ungleichheit nimmt weltweit zu, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland oder Schweden. Es tobe der Krieg „Reich gegen Arm“, erklärte vor nicht allzu langer Zeit Warren Buffett, und die Reichen würden gewinnen. Der Nobelpreisträger Josesph Stiglitz (in „Der Preis der Ungleichheit“) sieht bürgerkriegsähnliche Zustände wie in Südamerika heraufziehen, Hollywood inszeniert bereits Dystopien wie „Elysium“, wo eine reiche Elite unerreichbar auf einer gigantischen begrünten Raumstation im Weltall lebt, während der Rest der Bevölkerung auf dem verwüsteten Planeten dahinvegetiert, von Polizeirobotern in Schach gehalten.

Doch wenn nicht mit dem Kippen des Ökosystems aufgrund des Klimawandels das historisch beispiellose Zeitalter des Massenwohlstands beendet wird, werden sich solcherlei Dystopien nur in Hollywood abspielen. Man kann das nun pessimistisch oder optimistisch nennen, aber es deutet wenig darauf hin, dass sich die Situation grundlegend ändern wird. Der Leidensdruck bei den Betroffenen am unteren Ende ist zu gering, um sich für eine politische Mobilisierung instrumentalisieren zu lassen. Wo doch, werden begrenzt Zugeständnisse gemacht, wie unlängst in den USA: Dort haben Proteste gegen Billiglöhne bewirkt, dass es in New York ab 2019 einen der höchsten Mindestlöhne weltweit geben wird. Die grundsätzliche Schieflage in der Vermögens- und Einkommensverteilung wird dadurch allerdings nicht aufgehoben.

Vergessen wir nicht: Während man zu Zeiten der 68er Revolte gerade mal drei Fernsehprogramme empfing (nach Mitternacht Sendeschluss), lockt heute Non-Stop-Entertainment bei Netflix oder Amazon Prime zu knapp zehn Euro pro Monat; wer geht da freiwillig noch auf die Straße? In einem Land, das weltweit unter Flüchtlingen als Paradies gehandelt wird (zu Recht). Ein Land, wo Atomkraft abgeschafft wurde, die Ehe für alle eingeführt ist und nahezu Vollbeschäftigung herrscht. Das Thema hat kaum die politische Dringlichkeit wie ein drohender Atomkrieg (Nato-Doppelbeschluss, Kuba-Krise) zu Zeiten unserer Elterngeneration.

Und die Geschichte lehrt außerdem, dass nicht einmal die Französische Revolution die historisch konstante Ungleichverteilung aufgehoben hat; nur die historische Ausnahmesituation der beiden Weltkriege hatte seinerzeit fiskalische Zugeständnisse der Reichen bewirkt (z.B. progressive Einkommensteuer), für einige Jahrzehnte ging daraufhin der Grad der Ungleichheit zurück (vgl. dazu Thomas Piketty). Zwei Weltkriege! Ein bisschen Shitstorm auf Facebook und fünf Protestmärsche vor dem Kanzleramt werden demgegenüber kaum die mächtigen Geldinteressen der Republik zum Einlenken bringen. Zeitverschwendung.

Irgendwie glauben wir auch daran, dass Geld ab einem bestimmten Einkommensniveau ohnehin nicht mehr entscheidend ist für Glück. Und global betrachtet ist hierzulande die große Mehrheit ganz klar privilegiert in der globalen Ökonomie. Was wollen Sie denn dann noch? Es gibt wichtigere Themen.