„Kinder lachen 400 mal am Tag. Erwachsene 20 mal. Tote gar nicht mehr.“ Kurz: Lachen ist gesund. Für diese seelische Medizin rühren Mario Barth & Co typischerweise ein paar Witze über nationale Stereotype zusammen (Ich war auf einer polnischen Internetseite. Jetzt ist der Mauszeiger weg.), Paarwitze (Ich und meine Frau waren 20 Jahre glücklich. Dann haben wir uns getroffen.) oder ein bisschen Humor über Randgruppen (Wie nennt man eine Gruppe demonstrierender Vegetarier? – Gemüseauflauf).

Dafür gibt’s dann keinen Literaturnobelpreis (noch weniger den Friedensnobelpreis), aber doch immerhin einen guten Sendeplatz. Humor kann aber auch ein mächtiges politisches Instrument sein: Cicero machte damit bereits seine politischen Gegner lächerlich, wir können täglich auf dem Sender Phoenix Humor als Waffe im Bundestag erleben und die Reaktion Erdogans auf die Satire von Jan Böhmermann belegt die Reichweite. Was macht den Witz so wirkungsvoll? Es lohnt, einen kurzen Blick auf dessen Funktionsweise zu werfen.

Eine Pointe entsteht, wo Erwartungen des Zuhörers überrascht werden (Fragt die Lehrerin Kevin. Was ist die Hälfte von 6? – Kevin: Halb 6.). Witz entsteht also aus dem Auseinanderfallen von Erwartung („3“) und der komischen Situation („Halb 6“). Diese Konstellation ergibt sich sehr häufig dann, wenn reflexhaftes (bzw. mechanisches) Denken oder Handeln im Spiel ist. Beispiel aus einer Comedy Serie: Jemand hält ein Glas Saft in der Hand und wird nach der Uhrzeit gefragt. Reflexhaft bzw. mechanische dreht er sein Handgelenk für den Blick auf die Uhr und verschüttet so den Saft. Das erwartete und angemessen Verhalten wäre gewesen, dass der Angesprochene von einer Wanduhr abliest oder wenigstens das Saftglas in die andere Hand wechselt.

Diese Entlarvung des Mechanischen, des Nicht-Konformen macht die soziale Funktion des Witzes aus – so nachzulesen bei dem Philosophen und Literaturnobelpreisträger Henri Bergson (1859-1941) in seinem Buch „Das Lachen“. Die Abweichung von der sozialen Norm, also die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Erwartung (oder: Wunsch-Verhalten) und individuellem Verhalten, wird mit dem Witz ins Lächerliche gezogen, also bestraft und die soziale Norm durchgesetzt. Besonders gut ist dies erkennbar beim französischen Großmeister der Komödie, Jean-Baptiste Molière (1622 – 1673), und seinen Theaterstücken wie „Tartuffe“ (Bigotterie), „Der Geizige“ oder „Der eingebildete Kranke“ (Hypochondrie).

Natürlich, Mario Barth und Co sehen sich kaum als Hüter der sozialen Normen. Hier werden einfach die Witze gemacht, die am besten funktionieren und die das Publikum sofort versteht. Schnell ist man sich da einig gegen Trump, bei lauwarmer Konsumkritik, und auch beim Witz gegen die kommunikationsgestörte Generation Smartphone sind noch alle dabei. Hier greift der Humorist auf mehrheitlich unstrittige soziale Normen zurück, da muss man nichts erklären, sondern kann mit maximaler Schlagzahl an Witzen durch das Programm jagen. Auch das muss natürlich gekonnt sein.

Kabarettisten wie Pispers, Schramm oder Rether verstehen sich dagegen nicht einfach als Entertainer. Der Witz ist der Katalysator für die Botschaft bzw. das Lockmittel, vor allem aber geht es um die Normen. Sie schaffen Klarheit zu Normen, sie erläutern komplexe Realität und sie halten dem Publikum einen Spiegel vor – auch wenn’s wehtut. Kurz: Sie schaffen Orientierung. Und: Sie wollen etwas verändern. Die Themen sind so vielfältig, wie die Herausforderungen unserer Zeit, sie reichen von Altersarmut (dazu hier hier Volker Pispers) über die Flüchtlingsfrage (dazu hier Georg Schramm) bis zum unmündigen Bürger (dazu hier Hagen Rether).

Was haben diese Veränderer im Schafspelz der Entertainer erreicht? Man sollte den Effekt nicht überschätzen („In Deutschland wird es nie eine Revolution geben. Das Formular dafür fehlt.“); das Publikum kommt meist, um sich unterhalten zu lassen, nachdenkliches Nicken, bitteres Lachen, verzweifeltes Kopfschütteln. Aber schon kurz nach der Show werden die Zuhörer von den Zwängen des Alltags und alten Gewohnheiten wieder eingeholt. Als ich nun für diese Kolumne Hagen Rether wieder angesehen habe, will ich einen neuen Anlauf zur fleischlosen Ernährung zu starten. Es ist der dritte Anlauf. Es ist verdammt schwer.

Zum Abschluss: Rainald Grebe mit seinem Kultsong „die 68er“