Freitag Nachmittag, verlängertes Wochenende, Sie sind gerade mit Partner in Pune (ca. 200km östlich von Mumbai/Bombay) angekommen. Check-In im Hotel. Sie brauchen noch eine Wochenendlektüre, also kurz in die Stadt. Sie winken vor dem Hotel eine Rickshaw heran, „M.G. Road, please“. Der Rickshaw-Fahrer überlegt kurz (Lohnt sich das …?), schert dann kommentarlos wieder in den Verkehr ein (… anscheinend nicht …). 5 Minuten später die nächste Rickshaw. „M.G. Road, please“ – „Ok, Sir. 80 Rupees, Sir“. Die Hotelrezeption hatte zwar 50 Rupien als Richtwert genannt, aber an den Zuschlag für Weiße haben Sie sich schon längst gewöhnt.

Schon nach wenigen hundert Metern trabt Ihnen eine Kuh auf der Straße entgegen, völlig ungestört vom Verkehr. Der Fahrer drosselt das Tempo und macht einen leichten Bogen. Kurz danach die erste Ampel, neben Ihnen knattert eine andere Rickshaws, die beißenden Abgase des Zweitakter-Motors blasen direkt in Ihre offene Fahrkabine. Am Straßenrand pinkelt ein Inder gegen eine Mauer. „Don’t urinate here“ steht dort in Druckbuchstaben, darunter der vermutlich gleiche Text in Hindi. Schließlich springt die Ampel auf Grün, einige Fahrzeug hinter Ihnen hupen ungeduldig, die Fahrzeugkolonne setzt sich wieder in Bewegung. Die Rickshaw rollt durch ein Schlagloch, dann geht die Fahrt mit röhrendem Motor weiter.

An der nächsten Ampel dreht sich der Fahrer zu Ihnen um: „I know veeeeery good friend with nice shop. Beauuuutiful things. This ride only 20 Rupees.“ –  „No, no, no!“ Sie winken energisch ab, sie haben schon 10 geschnitzte Holzelefanten zu Hause, das reicht. – „Sir, absolutely eeeexcellent work, the best in aaaall India“, der Fahrer schnalzt zur Bekräftigung mit der Zunge. – „No, I no tourist. NO HANDICRAF-SHOP!“ Aber der Fahrer lässt sich locker, vielleicht sind Sie schon längst auf dem Weg dorthin, wie sollten Sie das auch wissen: Sie sind zum ersten Mal in dieser Stadt. Nächstes Schlagloch, Sie machen auf dem Rücksitz einen Satz nach oben, Ihre Geduld ist schlagartig am Ende. Sie werden jetzt laut und drohen auf der Stelle auszusteigen, wenn sie nicht bald zur „M.G. Road“ kommen. Das wirkt. Diskussion beendet. Die Fahrt verläuft nun etwas ruhiger. Ping, auf ihrem Mobilfon geht eine SMS ein. Der indische Team-Leader Ihrer Firma berichtet, einer der Mitarbeiter sei heute nicht zur Arbeit gekommen und dessen Mobilfon für Rückfragen abgeschaltet. Sie atmen tief durch und setzen in Ihrem Kalender einen Reminder für Montag.

Zwischendurch geht das Licht aus. Mit einem Dutzend weiterer Kunden sitzen Sie im Halbdunkel.

Endlich sind in einem Buchladen angekommen, das Regal mit Ihren Lieblingskrimis haben Sie schnell gefunden. Selbstvergessen fangen Sie an in ein paar ausgewählten Thrillern zu schmökern. Zwischendurch geht das Licht aus. Mit einem Dutzend weiterer Kunden sitzen Sie im Halbdunkel. An der Kasse scheint der Lichtkegel einer Taschenlampe auf. Nach etwa 2 Minuten das Knattern eines Diesel-Generators vor der Tür, das Licht springt wieder an. Sie vertiefen sich wieder in Ihre Bücher. Schließlich gehen Sie mit zwei Büchern an die Kasse. Eines der Bücher ist ziemlich abgegriffen, ob es davon ein frisches Exemplar gäbe, fragen Sie. „One minute, Sir. “

Der Angestellte verschwindet mit dem abgegriffenen Buch hinter einer Tür mit einem handbeschriebenen Schild „Staff only“. Außer Ihnen warten inzwischen zwei weitere Kunden an der Kasse. „Where are you from?“, fragt Sie der Kunde direkt hinter Ihnen. – „Germany“, erwidern Sie zurückhaltend. Pause. „Good cars in Germany.“ – „Oh yes, good cars, Mercedes, Audi, Volkswagen“, Sie haben wenig Interesse an Konversation, möchten aber nicht unhöflich erscheinen. Ihr Gesprächspartner fragt interessiert weiter, schließlich hat er ja nichts anderes zu tun. Wenig später sind Sie bereits zu fünft an der Kasse, die alle Zeugen einer stockenden Konversation über Ihre Arbeit, Ihr Familienleben und Ihre Eindrücke von Indien sind. Der Angestellte erlöst Sie nach etwa 10 Minuten. „Sorry, Sir, only this book available, Sir.“ Sie nicken nur kurz, „Ok, no problem.“– „480 Rupees, Sir“. Als Sie ihm einen 1.000-Rupien-Schein entgegenstrecken, schüttelt er mit dem Kopf: „No change, Sir“, in der Kassenlade ist das Fach mit den 10-Rupien-Scheinen leer. – „It’s ok, just give me 500 Rupees change.“, Sie winken ungeduldig mit Ihrem 1.000-Rupien-Schein. Der Angestellte wackelt mit dem Kopf, gibt Ihnen 500-Rupien Wechselgeld und überreicht Ihnen die Tüte mit den zwei Büchern und der Quittung – und ein paar Bonbons für das fehlende Wechselgeld.

Der Security Guard am Ausgang möchte noch die Quittung sehen, macht einen Stempel darauf („Delivered“), dann sind Sie wieder auf der Hauptstraße. Das Hupen und Knattern ist inzwischen deutlich lauter, Rush-Hour. Sie winken eine Rickshaw heran. In dem dichten Feierabend-Verkehr geht es nur Millimeter für Millimeter voran. Der Rickshaw-Fahrer manövriert im Zick-Zack-Kurs in Lücken zwischen Fahrzeugen, die dicht-an-dicht stehen. Der beißende Geruch von Abgasen ist unerträglich, irgendwo vom Straßenrand dringt noch der Geruch von schwelendem Müll in Ihre Nase; ein kleiner Junge bewacht dort mit einem Holzstock ein kleines Feuer aus Plastikflaschen, Mülltüten und getrockneten Kokosnüssen. Ein Händler zu Fuß versucht hartnäckig, Ihnen in der Dämmerung eine Sonnenbrille zu verkaufen.

Endlich wieder im Hotel, Sie fallen erschöpft aufs Bett. Eine weitere Fahrt fürs Abendessen außerhalb kommt nicht mehr in Frage, also das Restaurant im Hotel. Der Lift bringt Sie und den Partner in das A/C Restaurant im ersten Stock. Es ist mindestens 10 Grad unter „erfrischend“, ein Frösteln durchläuft Sie in Ihrem Polo-Shirt. Sie wählen eine Sitzecke, in der Sie dem kalten Luftstrom der Klimaanlage nicht direkt ausgesetzt sind. Der Kellner bringt die Menükarte. Bei der Bestellung stellt sich jedoch heraus, dass Ihre Auswahl gerade nicht möglich ist. Auch beim zweiten Gericht haben Sie kein Glück. Beim dritten Gerichte erklärt der Kellner, dass er erst in der Küche nachfragen müsse, „One minute, Sir“. Entnervt fragen Sie, was denn eigentlich da sei – der Kellner zeigt auf einige Gerichte. Erschöpft treffen Sie eine Auswahl daraus.

Zurück auf dem Zimmer dröhnt dumpf der Bass von Techno-Musik in Ihr Zimmer. Beim Anruf an der Rezeption stellt sich heraus, dass die Hotelbar direkt unter Ihrem Zimmer liegt. Nein, es gebe kein anderes Zimmer, das Hotel sei ausgebucht. Aber die Bar sei nur bis 22.30 Uhr geöffnet. Kein Problem also … nur noch eineinhalb Stunden!