Die Welt ist seit der Globalisierung ziemlich unübersichtlich geworden. Deutschland wird plötzlich am Hindukusch verteidigt, unsere Spielsachen kommen aus China und eine Urlaubsreise nach Italien gilt inzwischen als provinziell. 6 Flugstunden müssen es schon sein – aber wohin? Wie eine Erlösung von dieser neuen Orientierungslosigkeit kommen nun Ratgeber daher à la „100 Ziele, die Sie gesehen haben sollten“.

Für ein paar Halligalli-Wochenenden auf Mallorca war das Leben bestimmt nicht gedacht.

Was wie eine gut gemeinte Orientierungshilfe daherkommt, ist in Wirklichkeit ein knallhartes Pflichtprogramms, das die Urlaubsplanung für die nächsten 50 Jahre diktiert. Dagegen war Jules Verne’s In 80 Tagen um die Welt eine Kaffeefahrt. Der Titel macht auch klar: Da sollten Sie sich schon dran halten. Der liebe Gott wird Sie ja am jüngsten Tag fragen, was Sie denn aus dem Leben gemacht hätten, das er Ihnen voller Gnade geschenkt hat. Wenn Sie dann Angkor Watt nicht besucht haben und nicht auf dem Eiffelturm waren, dann wird er wahrscheinlich sauer. Für ein paar Halligalli-Wochenenden auf Mallorca war das Leben bestimmt nicht gedacht.

Die Ironie dieser Ratgeber: Wer den Rat befolgt, sorgt dafür, dass es diese Weltwunder bald nicht mehr gibt. Die neuen Stammkunden bei Lufthansa & Co mit Super-Senator-Status haben dann eine jährliche CO2-Bilanz von mindestens 10 Tonnen, jenseits des Pro-Kopf-Zielwerts von 2,7 Tonnen für das 2-Grad-Ziel. Danach gibt’s Klimaveränderung von Hitzewellen bis Sintflut. Während also Europa die Glühbirne abschafft, Unternehmen tonnenweise Nachhaltigkeitsberichte verfassen und Tausende von Diplomaten an Klimagipfelverlautbarungen feilen, wird  die Reisewut eines Marc’O’Polo schleichend zum Standardprogramm definiert. Ja geht’s noch?!

„Reisen bildet“, heißt es ja gerne. Nota bene: Dies ist ein Diktum von Immanuel Kant aus dem 18. Jahrhundert, da gab’s weder Internet noch Kulturreportagen der Öffentlich-Rechtlichen oder den chinesischen Arbeitskollegen aus der Abteilung nebenan. Wer glaubt heute noch, für ein Croissant nach Paris fahren zu müssen? Und wem das Vorstellungsvermögen fehlt, sich die Tempelanlage Angkor Wat mithilfe einer Reportage oder eines Bildbandes vorzustellen, dem sei gesagt: Auch bei einem Besuch vor Ort (mit den ca. anderen 3 Mio. Besuchern pro Jahr) wird es keine Tempelpriester geben, die für den Hindu-Gott Vishnu Gebetszeremonien durchführen. Spätestens dann tut ein wenig Vorstellungsvermögen sowieso Not.